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Cover Erinnerungen eines Narren

Erinnerungen eines Narren

Roman

Erschienen 2012 bei Haymon Verlag
Sprache: Deutsch
320 Seiten
ISBN 978-3-85218-745-7

Textauszug

1

Wer? Und weshalb? Ich, das klingt seltsam. Über den Grund nichts zu sagen, nirgends eine Spur von Leben, die grünen Gewässer tot, die blauen Flüsse ausgetrocknet, die Straßen leer. Wüsten. Sand und Steinwüsten. Sind Sie deshalb gekommen? Sehen, ob es sich noch regt, den Puls fühlen, einen Spiegel vor den Mund halten und prüfen, ob er sich beschlägt oder blank bleibt? Seit fünf Monaten liege ich im Bett und kann meine Beine nicht mehr bewegen. Abgestürzt. Eine Geschichte, die sich an Lächerlichkeit kaum überbieten läßt: ein Clown, der abstürzt, aber davon später, falls Sie die Geschichte hören wollen. Nichts überstürzen. Die Tür, durch die Sie getreten sind, die Klinke trägt noch Ihren Geruch. Eben gekommen, es ist doch ein Kommen, oder? Das Gehen kommt erst, wie verrückt, ein Gehen, das kommt, irgendwo muß es einen Sessel geben, machen Sie es sich bequem oder sehen Sie sich meinetwegen um, nur, bitte, kein Licht. Sie werden in der Dämmerung genug sehen. Allzu viel Licht führt lediglich zum frühen Erblinden, glauben Sie mir, schon wieder der Glaube, wir kommen anscheinend ohne ihn nicht aus, irgendetwas in uns will immer höher hinaus, ich weiß nicht was, man sollte nicht über Dinge sprechen, über die man nicht sprechen kann. Daß ich rede, besagt nichts, es hört meist von selbst auf, zu viele Worte vergessen und zu viele behalten, es wird von selbst aufhören. Als ob man ausgeronnen wäre. Redefluß. Es hat etwas mit Wasser zu tun, irgendwie ungreifbar, man denkt, man könnte sich eines Tages mit Worten von der Welt der Dinge säubern, von den Schlägen und Tiefschlägen, von der Versessenheit, der fanatischen Gier, an den Machtspielen teilzuhaben, ohne sich mit ganzem Körper in die Waagschale werfen zu müssen. Ich habe solche Menschen kennen gelernt. Sie trinken Worte wie andere Wasser und Wein, sie saugen sie in sich auf, diese Dürre, diese Dürre hörte ich sie sagen, wenn sie keine Worte fanden, das Wort, das lebendig macht, klingt gut, Worte der Erlösung, der Liebe, das ganze schöngeistige Gestammel, das sich in den Köpfen der Wissenden ansammelt, mit denen sie auf den Leibern der stumpf dienenden Massen stehen, über den Abfalltonnen thronen, nicht wahr? Ich sage zu oft nicht wahr, das kommt vermutlich davon, daß ich noch immer nicht aufgehört habe, nach der Zustimmung der Menschen zu suchen, eine Übereinstimmung zu finden, wie töricht.

Wie auch immer, ich sehe, daß Sie stehen bleiben wollen, was mich vermuten läßt, daß Sie ungeduldig sind. Keine Angst, der kurz gewordene Atem, das Rasseln in der Lunge, das Schnappen nach Luft, nicht nur bei mir, es scheint, als handle es sich um eine allgemeine Kurzatmigkeit, die garantiert, daß wir irgendwann aufhören müssen, aufhören werden, eine große Stille, aber auch das kommt erst später, das hieße das Ende vorwegnehmen, das Ende kommt erst, sozusagen am Schluß, während wir beginnen, Anfang zu spielen.

Gegenwärtige Lage: Ich bin wieder in meinem alten Zimmer, kein Gefängnis, immerhin, Samtvorhänge, das Bett hier, der Tisch vollgeräumt, sodaß nicht einmal Ihre Ell bogen Platz haben werden, die Kommode rechts von Ihnen, links von mir der Waschtisch. Kein Ort, an dem man sich sorglos zu Ende verschwendet, obwohl er wahrscheinlich unermeßlich ist. Die schwachen Lichtsäume deuten eine Ferne an, die ich nicht kenne, obwohl sie wahrscheinlich unermeßlich ist.

Fest steht: Ich lebe nunmehr seit fünf Monaten hier. Jählings, eines Tages, nein, allmählich, aber doch jählings konnte ich nicht mehr weiter. Jemand sagte mir, daß ich bleiben müsse. Ich wollte trotzdem weiter, ich konnte nicht mehr. Jemand, derselbe Mensch, sagte mir, daß ich versorgt werden würde, wenn ich bliebe, ich müsse bleiben, sonst wisse man nicht, wohin man meine Rente schicken solle, anscheinend ist für alles gesorgt. Wer so gütig ist, mir eine Rente zu gewähren, weiß ich nicht. Vielleicht die Unfallversicherung, es ist genug Geld i

Langtext

Es ist der Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als ein verdrossener Internatsschüler beschließt, von Wien in die Welt hinauszuziehen. Er kommt in der Schweiz bei einem Wanderzirkus unter, wo ihn der altersweise Clown Hieronymo unter seine Fittiche nimmt. Bald nähert er sich auch dem misstrauischen Liliputaner Rollo und der Seiltänzerin Rachel an, die aus Angst vor dem NS-Regime jede Nacht hoch oben unter der Zirkuskuppel schläft. Die Geschichte von ihrer gemeinsamen Flucht bis zu seiner Rückkehr ins zerbombte Wien erzählt der Ausreißer Jahrzehnte später von seinem Krankenbett aus. Dabei spinnt er ein faszinierendes Gewebe aus Erinnerung und Vorstellung, aus Episoden der Mythologie und der Literatur.
Bewegend und mit einzigartiger sprachlicher Kraft schildert Marianne Gruber die täglichen Ängste der Zirkusleute in der Fremde, aber auch die Solidarität, die ihnen zuteil wird. Atmosphärisch dicht zeichnet sie das nur vordergründig skurrile, zutiefst menschliche Personal vor dem Hintergrund des großen Weltgeschehens.

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