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Cover Orbáns Ungarn

Orbáns Ungarn

Erschienen 2016 bei Verlag Kremayr & Scheriau
Sprache: Deutsch
240 Seiten
ISBN 978-3-218-01048-1

Kurztext / Annotation

Viktor Orbán regiert hinter einem scheinbar demokratischen Vorhang mit eiserner Faust. Eine zwar schwache, aber funktionierende Demokratie baut er in einen autoritären Staat um. Seine nahezu uneingeschränkte Machtposition verdankt er vor allem seiner persönlichen Ausstrahlung, seiner Unbarmherzigkeit und seinem Machtinstinkt. In den 1990er Jahren als demokratische Hoffnung gefeiert, gilt Orbáns Bewunderung heute Männern wie Putin und Erdo?an. Von den westlichen, liberalen Werten hat er sich abgewandt. Sein rechtskonservativer, populistischer Kurs lässt fremdenfeindlichen und antisemitischen Tendenzen breiten Raum, seine finanz- und wirtschaftspolitischen Ambitionen führen zu einer Spaltung der Gesellschaft: Einer kleinen Schicht profitierender Neureicher steht ein wachsendes Heer an Armen, Arbeitslosen und Mindestrentnern gegenüber. Die politische Opposition ist schwach und gespalten, die junge urbane Generation wendet sich von der Politik ab oder wandert aus. Ungarn ist zu einem Fremdkörper im demokratischen Europa geworden.

Paul Lendvai, international angesehener Publizist, Autor und Osteuropa-Experte, schrieb viele Jahre als Korrespondent für die Londoner 'Financial Times' und angesehene österreichische, Schweizer und deutsche Blätter. Er war ab 1982 Chefredakteur der Osteuropa-Redaktion des ORF und ab 1987 Intendant von 'Radio Österreich international'. Heute ist er weiterhin Mitherausgeber und Chefredakteur der von ihm gegründeten internationalen Zeitschrift 'Europäische Rundschau', Leiter des Europa-Studios des ORF und Kolumnist des 'Standard'. Er hat 16 Bücher publiziert, viele davon Bestseller und in mehrere Sprachen übersetzt, und ist Träger zahlreicher Auszeichnungen.

Textauszug

Kapitel 1

DIE ROLLE DER PERSÖNLICHKEIT

Wie wichtig sind Personen und Persönlichkeiten in der Politik? Angesichts der politischen und wirtschaftlichen Krisen, der Folgewirkungen des internationalen Terrorismus und der grenzüberschreitenden Völkerwanderung zeigen die Meinungsumfragen in den demokratischen Staaten, zusammen mit einem großen Unbehagen und mit der Kritik an der parlamentarischen Diskussion, stets auch eine große Sehnsucht nach dem "starken Mann". Der menschliche Faktor bleibt schwer fassbar, ja unberechenbar, doch ohne ihn sind alle historischen Betrachtungen unvollständig. Nicht nur in weltgeschichtlichen Situationen, sondern auch in der jüngsten mittel- und osteuropäischen Geschichte waren und sind die Konflikte zwischen den Kräften der Beharrung und jenen der Reform, zwischen Öffnung und Abkapselung zuweilen mit geradezu dramatischen Wandlungen der politischen Führungspersönlichkeiten verbunden.

Die Devise "Männer machen Geschichte" entspringt dem Heldenkult, wie ihn der seinerzeit sehr populäre schottische Historiker Thomas Carlyle definiert hat: "Die Weltgeschichte ist nichts als die Biografie großer Männer." Laut dem deutschen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel hingegen ist der Welt- und Zeitgeist viel entscheidender als Person und Persönlichkeiten. Karl Marx und Friedrich Engels meinten, Politik sei abhängig von den materiellen Bedingungen der Produktion. Die Frage, welche Kräfte einen Spitzenpolitiker zu einer Handlung bewogen haben und welche Kräfte er in Bewegung gesetzt hat, also das Zusammenspiel von äußeren Umständen und persönlichem Handeln, stellt auch heute das zentrale Problem bei der Beschreibung und Bewertung politischer Persönlichkeiten dar.

Wenn man die nicht zu unterschätzende Rolle des persönlichen Elements bei wichtigen politischen Entscheidungen in angemessener Weise berücksichtigen will, dann muss der Chronist der Zeitgeschichte auch die Worte des Basler Historikers Herbert Lüthy in Erinnerung rufen: "Zeitgeschichte ist nicht anonym. Sie ist uns als wirkliches Geschehen bekannt nur in dem Maß, in dem wir die handelnden Personen ihrer Anonymität entreißen, individualisieren und identifizieren ... Daten und Fakten bedeuten wirklich nichts, wenn wir uns überhaupt kein Bild vom Bewusstsein der handelnden Menschen machen können." 1 Im Zeitalter der globalen Kommunikationsrevolution und der Verbreitung der sozialen Medien sind diese Überlegungen noch wichtiger geworden.
Was wäre gewesen, wenn ...

Gerade die turbulente Geschichte der mittel- und osteuropäischen Staaten und die verblüffenden Wendungen in den Positionen der Männer an der Spitze von Regierung und Staat bestätigen immer wieder die Richtigkeit der Warnung Isaiah Berlins, des aus Riga stammenden großen britischen Denkers, die er 1988, also noch vor der großen Wende, geäußert hat, dass nämlich die Geschichte nicht als "eine Autobahn ohne Abfahrten" anzusehen sei: "Ich glaube nicht an den Determinismus in der Geschichte ... In entscheidenden Augenblicken, an Wendepunkten ... kann der Zufall, können Individuen mit ihren Entscheidungen und Handlungen, die ihrerseits nicht unbedingt vorhersagbar sind, die sogar selten vorhersagbar sind, den Lauf der Geschichte bestimmen. Unser Entscheidungsspielraum ist nicht groß. Sagen wir: ein Prozent. Aber auf dieses eine Prozent kommt es an." 2

Im Gespräch mit dem iranischen Philosophen Ramin Jahanbegloo konkretisierte Isaiah Berlin am Beispiel Churchills im Jahre 1940 und Lenins im April 1917 das "Was wäre gewesen, wenn ...", zum Beispiel, wenn Churchill nicht Premierminister geworden oder Lenin früher gestorben wäre. Diese Gedankengänge könnte man natürlich fortsetzen. Was wäre gewesen, wenn am 10. März 1985 nicht Michail Gorbatschow, sondern einer seiner rückwärtsgewandten Rivalen zum Generalsekretär der KPdSU gewählt worden wäre? Oder wenn 1947/48 an der Spitze des kommunistischen Jugoslawiens nicht

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Prof. Paul Lendvai wurde in Budapest geboren, lebt seit 1957 in Wien und wurde zwei Jahre später österreichischer Staatsbürger. Er ist Chefredakteur der "Europäischen Rundschau", Leiter des "ORF-Europastudios", Kolumnist für den "Standard" und Autor von 14, auch in verschiedene Fremdsprachen übersetzten erfolgreichen Sachbüchern. Zwischen 1960 und 1982 war er Wiener Korrespondent der "Financial Times" (London), von 1982 bis 1987 Chefredakteur der Osteuropa-Redaktion des ORF und von 1987 bis 1998 Intendant von Radio Österreich International. Paul Lendvai erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik und 2008 den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln. Sein Bestseller "Mein Österreich - 50 Jahre hinter den Kulissen der Macht" wurde zum beliebtesten politischen Buch des Jahres 2008 gewählt. In seinem jüngsten Buch "Mein verspieltes Land" wirft er dem konservativen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der 2010 mit seiner Partei eine Zweidrittelmehrheit erreichte, autokratische Tendenzen und Kontrolle über die Medien vor. Nach Erscheinen des Buches kam es zu Mobilisierungen und Drohungen gegen Paul Lendvai, woraufhin eine Lesung im Rahmen der Heinrich-Böll-Stiftung aus Sicherheitsgründen abgesagt werden musste.

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