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Cover Die Seuche

Die Seuche

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
224 Seiten
ISBN 978-3-257-60018-6

Kurztext / Annotation

Eine Geschichte über Angst, Armut, Magie; über die Auflösung gesellschaftlicher Normen und menschlicher Gemeinschaft angesichts einer Krankheit, deren Ursachen keiner kennt - und über den unbeirrbaren Willen zu leben.

Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen regelmäßig auf der Bestsellerliste.

Textauszug

[7] Wer bist du, Hanna? Noch kenne ich dich kaum, ich sehe dich am frühen Morgen aus dem Haus treten. Den Morgenhimmel liebst du, das weiß ich, fröstelnd stehst du in der Kälte, an den Schattenhängen liegt noch Schnee, aber das Grün der Wiesen wird jetzt satter von Tag zu Tag. Auf dem Weg zum Brunnen siehst du blühenden Huflattich; du wirst ihn sammeln und trocknen, die Großmutter macht einen Hustentrank daraus. Schafe blöken in ihren Pferchen, das überhörst du wie das ungeduldige Gackern der Hühner, denn die Klosterglocke beginnt zu läuten, und du schaust hinunter zum Kloster, das am Rand des Plateaus steht, hoch über dem Tal und viel zu groß fürs Dorf, eine dunkle Masse vor der aufgehenden Sonne. Dort betet er jetzt, dein Bruder, er betet wie einer der Mönche, obgleich er keiner ist, er betet in der Kirche mit dem gedrungenen Turm. Nein, du gehst nicht mehr hin, du kannst es nicht mit ansehen, wie er daliegt mit ausgebreiteten Armen, wie er mit der Stirn auf die Fliesen schlägt. Bete zu Gott, dass das [8] Übel uns verschone, hat Mathis gesagt, bete zum heiligen Sebastian und zum heiligen Martin; du hättest beten sollen, Hanna, gleich nach dem Aufstehn. Das Übel kommt näher von Tag zu Tag, durch die Luft kommt es, sagt Mathis, es ist der Hauch des Bösen, wie willst du dich dagegen wehren ohne die Macht des Kreuzes?

Und Sam Ssenyonja habe einen Hektar Land besessen, mit Kaffeesträuchern und Bananen bepflanzt, er habe in einem Steinhaus gewohnt, mit Ziegeln bedeckt, mit hölzernen Läden vor Türen und Fenstern

Die andern am Brunnen sind ernster als sonst, schweigend füllen sie ihre Eimer. Gestern sind Pilger angekommen, erschöpft und zerlumpt, auf der Rückkehr vom Jakobsgrab, sie haben in der Klosterherberge genächtigt; eine lange Reise muss es sein mit den gesegneten Muscheln im Gepäck, über Berge, durch Schluchten, durchs ganze Frankenreich. Einer der Pilger sei krank gewesen, so krank, dass die Männer die vier verjagen wollten, aber Bruder Peter habe ihn aufgenommen und aufs Stroh gebettet. Vom Kloster hörst du den Gesang, doch die Mauern der Herberge sind dick und mit Blicken nicht zu durchdringen, dahinter liegt der Kranke, [9] und du hoffst, Hanna, nicht das Übel, von dem alle reden, habe ihn befallen, sondern ein gewöhnliches Fieber. Mathis hat gesagt, ganze Landstriche und Städte gebe es, die das Übel verwüstet habe, leere Häuser, das Korn verfaule, die Tiere irrten herum.

Als sie sich zum Gehen wendet, kommen drei Pilger den Klosterweg herauf, zu Fuß, es sind keine Herren, sie tragen verdreckte Überwürfe und haben ihre Reisebündel geschultert, einer geht hinter dem andern, schweigend durchqueren sie das Dorf, ihre langen, dünnen Morgenschatten wandern vor ihnen her.

Sam Ssenyonja besaß einen Hektar Land, er wohnte in einem Steinhaus, er wurde fünfunddreißig Jahre alt, er starb im August letzten Jahres, in der Zimmerhöhle neben dem Vordereingang

Die Schafe tränkst du gerne, Hanna, wie dicht fühlt sich die Winterwolle an; deine Füße sinken ein im Morast, bei einer Pfütze brechen sie durch dünnes Eis. Leere Häuser, verfaulendes Korn. Und dieser Traum, der sich Nacht für Nacht wiederholt, der Traum von den Masken und von der Nadel. Der Rabe krächzt, zerrt an der Kette. Lass ihn frei, hat Mathis gesagt; aber solange er seinen lahmen [10] Flügel hat, bleibt er angekettet, er schützt das Haus vor Dieben. Der Kornsack für die Hühner ist fast leer, zwei, drei Handvoll klaubt Hanna heraus, um sie ihnen hinzustreuen. Geht, geht und scharrt, der Boden ist nicht mehr gefroren.

Drinnen kauert Hedwig vor dem Herd, die Decke um sich gewickelt. Hanna legt ein paar Äste nach, gießt Wasser in den Kessel, hängt ihn an den Haken über dem Feuer. Das Summen des Wassers magst du auch, Hanna, du siehst zu, wie der Haferbrei dick wird beim Rühren und die Kelle Furchen zieht, die sich gleich wieder gl

Beschreibung für Leser

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