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Cover Liebeswahn

Liebeswahn

Roman

von Ian McEwan; Übersetzt von: Hans-Christian Oeser

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
368 Seiten
ISBN 978-3-257-60027-8

Kurztext / Annotation

Ein Roman darüber, was mit dem Leben und mit der Liebe passiert, wenn sie der Obsession eines Eindringlings ausgesetzt werden. Ein aufwühlender Roman, der zwischen den hellen und den dunklen Seiten der Liebe oszilliert, bis die Nerven reißen.

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er für Amsterdam Abbitte

Textauszug

[5] Eins

Es läßt sich leicht sagen, wann alles begann. Wir saßen im Sonnenschein unter einer Zerr-Eiche, die uns notdürftig gegen den starken, böigen Wind abschirmte. Ich kniete im Gras, einen Korkenzieher in der Hand, und Clarissa reichte mir die Flasche - einen 1987er Daumas Gassac. Dies war der Augenblick, der Nullpunkt auf der Zeitachse: Ich streckte die Hand aus, und als der kühle, mit schwarzem Stanniol eingefaßte Flaschenhals meinen Handteller berührte, hörten wir einen Mann aufschreien. Wir drehten uns um und sahen die Gefahr am anderen Ende der Wiese. Und schon rannte ich ihr entgegen. Es war wie ein Schnitt: Ich erinnere mich nicht, daß ich den Korkenzieher fallen gelassen hätte, aufgesprungen wäre, eine Entscheidung getroffen oder Clarissas Warnung gehört hätte, die sie mir nachrief. Warum mußte ich auch so kopflos in das Labyrinth dieser Geschichte hineinhetzen - fort von unserem Glück unter der Eiche im frischen Frühlingsgras! Wieder ertönte der Schrei und, trotz des Windes, der in den hohen Bäumen entlang den Hecken toste, das schwache Rufen eines Kindes. Ich rannte schneller. Und plötzlich strebten von verschiedenen Punkten auf der Wiese, wie ich in schnellem Lauf, vier weitere Männer zum Schauplatz des Geschehens.

Ich sehe uns aus hundert Metern Höhe, mit den Augen [6] des Bussards, den wir eben noch beobachtet hatten, wie er im Strudel der Luftströmungen aufstieg, kreiste und herabstieß: fünf Männer, die lautlos auf den Mittelpunkt einer etwa einen halben Quadratkilometer großen Wiese zurennen. Ich kam von Südosten und hatte Rückenwind. Etwa zweihundert Meter links von mir liefen zwei Männer Seite an Seite. Es waren Landarbeiter, die den Zaun entlang der Straße am Südrand der Wiese geflickt hatten. Wieder zweihundert Meter weiter rannte John Logan herbei, dessen Auto mit weitgeöffneter Tür oder -geöffneten Türen auf dem grasigen Randstreifen geparkt war.

Am mir gegenüberliegenden Ende der Wiese, etwa einen halben Kilometer von mir entfernt, löste sich, gegen den Wind ankämpfend, aus einer Buchengruppe die Gestalt von Jed Parry, der - und das zu schildern ist nach allem, was ich mittlerweile weiß, ein sonderbares Gefühl - geradewegs in meine Richtung lief. Für den Bussard waren Parry und ich winzige Umrisse, deren leuchtendweiße Hemden sich gegen das Gras abhoben und die wie Liebende aufeinander zueilten, schuldlos an dem Leid, das aus dieser Verstrickung hervorgehen sollte. Das Zusammentreffen, das unser Leben aus der Bahn werfen sollte, stand unmittelbar bevor, doch noch verbarg sich seine Ungeheuerlichkeit nicht nur hinter der Zeitschranke, sondern auch hinter dem Koloß in der Mitte der Wiese, der uns kraft seiner gigantischen Größe und der armseligen Not der Menschen unter ihm mit unwiderstehlicher Logik anzog.

Was tat Clarissa unterdessen? Hinterher sagte sie, sie sei zügig zur Mitte der Wiese gegangen. Ich weiß nicht, wie sie dem Drang zu rennen widerstand. Als es geschah, das [7] Ereignis, von dem ich erzählen will - der Absturz -, hatte sie uns beinahe eingeholt und befand sich, außerhalb der schlecht koordinierten Hilfsaktion, jenseits von Seilen und Geschrei, in einer ausgezeichneten Beobachterposition. Meine Schilderung ist auch von dem bestimmt, was Clarissa sah, von dem, was wir einander erzählten in der Zeit geradezu zwanghafter Nachprüfungen, der Nachwirkungen und Nachwehen. Vielleicht ist ja "Nachmahd" das passende Wort für das, was dem Geschehen auf der Wiese, die auf ihre frühsommerliche Mahd wartete, nachfolgte. Die Nachmahd oder das Grummet, das, was nachwächst, nach dem ersten Schnitt im Mai.

Ich halte an mich, zögere die Informationen hinaus. Ich verweile bei dem Augenblick davor, denn zu diesem Zeitpunkt wäre noch ein anderer Ausgang möglich gewesen; aus der Sicht des Bussards besitzt das Zusammentreffen von sechs Gestalten auf dem Grün eine tröstliche Geometrie, die klar de

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