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Cover Liebesfluchten

Liebesfluchten

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
304 Seiten
ISBN 978-3-257-60038-4

Kurztext / Annotation

Flucht in die Liebe, Flucht vor der Liebe - vor sich selbst, dem andern, dem Leben, der Geschichte. Sieben erotische, subtile, tragikomische Geschichten über Sehnsüchte und Verwirrungen, Nähe und Einsamkeit, Verstrickung und Schuld, Lebensentwürfe und Lebensverantwortung.

Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Seinen ersten Kriminalroman, Selbs Justiz, Selbs Mord Der Vorleser Liebesfluchten Sommerlügen Die Heimkehr Das Wochenende

Textauszug

[55] Der Seitensprung

1

Die Freundschaft mit Sven und Paula war meine einzige Ost-West-Freundschaft, die den Fall der Mauer überdauerte. Die anderen endeten bald nach dem Mauerfall. Man verabredete sich immer seltener, und eines Tages wurde die getroffene Verabredung in letzter Minute abgesagt. Man hatte zu viel zu tun: Arbeit suchen, Wohnungen und Häuser sanieren, Steuervorteile nutzen, Geschäfte machen, reich werden, reisen. Davor hatte man im Osten nichts tun können, weil der Staat einen nichts tun ließ, und im Westen nichts tun müssen, weil das Geld aus Bonn so oder so kam. Man hatte Zeit.

Sven und ich lernten uns beim Schachspielen kennen. Ich war im Sommer 1986 nach Berlin gezogen, kannte niemanden und entdeckte an den Wochenenden die Stadt, im Osten wie im Westen. An einem Samstagabend stieß ich in einer Gartenwirtschaft am Müggelsee auf eine Gruppe von Schachspielern, sah einem Endspiel zu und wurde vom Sieger zu einer Partie aufgefordert. Als es dunkel wurde und wir abbrechen mußten, verabredeten wir uns auf den nächsten Samstag zur Fortsetzung.

Mit dem ersten neuen Bekannten beginnt eine Stadt, Heimat zu werden. Auf der Rückfahrt nach Westberlin war die Öde Ostberlins weniger entmutigend, seine [56] Häßlichkeit weniger abweisend. Die hellen Fenster, mal vorhangbunt und mal fernsehblau, mal dicht an dicht in einem Plattenbau und mal einsam in einer Brandmauer, die alten, schwach erleuchteten Fabriken, die breiten Straßen mit den wenigen Autos, die seltenen Gasthäuser - ich sah es und stellte mir vor, Sven wohne hier oder da, arbeite in dieser Fabrik, fahre auf dieser Straße. Ich sah auch mich hier oder da ein und aus gehen, auf dieser Straße fahren, in diesem Gasthaus essen.

Mein zweiter neuer Bekannter in Berlin war ein kleiner Junge mit Schulranzen. Eines Morgens, als ich die große Straße vor meinem Haus überqueren wollte, stand er neben mir, fragte: "Gehste mit mir übern Damm?" und nahm meine Hand. Danach tauchte er immer wieder morgens auf, wenn ich am Rand der Straße darauf wartete, daß die Ampel ein paar hundert Meter weiter rot werden und der Verkehr eine Pause machen würde. Später, als die Mauer gerade gefallen war, reisten Sven und Paula wie die Verrückten nach München, Köln, Rom, Paris, Brüssel, London, jeweils mit Bahn oder Bus und jeweils nachts hin und nachts zurück, um bei zwei Tagen Aufenthalt nur eine Übernachtung zahlen zu müssen. Während der Reisen gaben sie ihre Tochter Julia bei mir ab, und die beiden Kinder freundeten sich miteinander an. Sie war noch im Kindergarten und voll Bewunderung für den Erstkläßler, er war ein bißchen geniert vom Umgang mit dem kleinen Mädchen und zugleich von ihrer Bewunderung geschmeichelt. Er hieß Hans, wohnte ein paar Häuser weiter, wo seine Eltern einen Laden für Zeitungen und Zigaretten hatten.

[57] 2

Am nächsten Samstag regnete es. Ich fuhr mit der S-Bahn durch Ostberlin, das noch grauer und leerer war als sonst. Vom Bahnhof Rahnsdorf lief ich an den See; der Regen hörte nicht auf, es war kalt, und meine Hand, die den Schirm hielt, war klamm. Von weitem sah ich, daß die Wirtschaft geschlossen war. Dann sah ich Sven. Er trug dieselbe blaue Latzhose wie am Samstag davor und dieselbe lederne Schiebermütze und sah mit runder Brille im pausbäckigen Gesicht wie ein kindlicher, zutraulicher Revolutionär aus. Er stand in der offenen Tür eines Schuppens, Schachbrett und -figurenkiste zwischen den Füßen, winkte, zuckte mit den Schultern und holte mit den Armen zu einer Geste aus, die bedauernd den Himmel, den Regen, die Pfützen und die geschlossene Wirtschaft umfaßte.

Er war mit dem Auto da und fuhr mit mir zu sich nach Hause. Seine Frau und Tochter seien bei den Großeltern, kämen am Abend zurück, und bis dahin könnten wir ungestört spielen. Dann müsse er seine Tochter ins Bett bringen und ihr eine Geschichte vorlesen,

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