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Cover Der Vater eines Mörders

Der Vater eines Mörders

Eine Schulgeschichte

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
96 Seiten
ISBN 978-3-257-60080-3

Kurztext / Annotation

In seinem letzten vollendeten Werk, 1980 postum erschienen, kehrt Alfred Andersch in seine Jugend zurück. München, Mai 1928. Der Schüler Franz Kien erleidet eine Unterrichtsstunde bei Herrn Himmler, Direktor des Wittelsbacher Gymnasiums, Altphilologe, großbürgerlicher Katholik und Vater des späteren Reichsführers der SS. Im Nachwort stellt der Autor die Frage: "Schützt Humanismus denn vor gar nichts?"

Alfred Andersch, geboren 1914 in München, wurde 1933 wegen seiner politischen Aktivität im Kommunistischen Jugendverband im KZ Dachau interniert. Nach seiner Desertion aus der Wehrmacht 1944 verbrachte er über ein Jahr in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Zurück in Deutschland, arbeitete er als Journalist und Publizist, namentlich beim Radio. Andersch zählt zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur, seine Bücher sind längst Schullektüre. Er starb 1980 in Berzona/Tessin.

Textauszug

[13] Die Griechisch-Stunde sollte gerade beginnen, als die Türe des Klassenzimmers noch einmal aufgemacht wurde. Franz Kien schenkte dem Öffnen der Türe wenig Aufmerksamkeit; erst, als er wahrnahm, daß der Klaßlehrer, Studienrat Kandlbinder, irritiert, ja geradezu erschreckt aufstand, sich der Türe zuwandte und die zwei Stufen, die zu seinem Pult über der Klasse hinaufführten, herunter kam - was er nie getan hätte, wenn es sich bei dem Eintretenden um niemand weiter als um einen verspäteten Schüler gehandelt hätte -, blickte auch er neugierig zur Türe hin, die sich vorne rechts befand, neben dem Podest, auf dem die Tafel stand. Da sah er aber auch schon, daß es der Rex war, der das Klassenzimmer betrat. Er trug einen dünnen hellgrauen Anzug, seine Jacke war aufgeknöpft, unter ihr wölbte sich ein weißes Hemd über seinem Bauch, hell und beleibt hob er sich einen Augenblick lang von dem Grau des Ganges draußen ab, dann schloß sich die Türe hinter ihm; irgend jemand, der ihn begleitet hatte, aber unsichtbar blieb, mußte sie geöffnet und wieder zugemacht haben. Sie hatte sich in ihren Angeln bewegt wie ein Automat, der eine Puppe frei gab. So, wie auf dem Rathausturm am Marienplatz die Figuren herauskommen, dachte Franz Kien. Der perplexe Kandlbinder - er machte noch immer ein Gesicht, als murmle er ein Gott steh' mir bei! vor sich hin - rief einen Moment zu spät "Aufstehen!", aber die Schüler hatten sich schon erhoben, ohne seinen Befehl abzuwarten, und sie setzten sich auch nicht erst, als ihr Lehrer ein - wieder, wenn auch nur um Sekundenbruchteile verzögertes - "Setzen!" herausbrachte, sondern bereits, als der Rex [14] abwehrend die Hände hob und zu dem jungen Studienrat sagte: "Lassen Sie doch setzen!" Von den Doppelbänken aus, die mit Doppelpulten fest zusammengeschreinert waren - zwischen die Bänke und die Pulte mußten sie sich hineinzwängen, denn die meisten von ihnen waren in ihrem Alter, vierzehn Jahre, schon zu hoch aufgeschossen -, beobachteten sie, wie verwirrt Kandlbinder war und wie der Rex dessen Versuch, sich zu verbeugen, geschickt abfing, indem er ihm die Hand reichte. Obwohl Kandlbinder einen halben Kopf größer war als der auch nicht gerade kleine Rex - Franz Kien schätzte ihn auf eins siebzig -, konnten sie auf einmal alle sehen, daß ihr Ordinarius, wie er so neben dem offensichtlich gesunden und korpulenten Oberstudiendirektor stand, nichts weiter als ein magerer, blasser und unbedeutender Mensch war, und eine Sekunde lang ging ihnen ein Licht darüber auf, warum sie von ihm nichts wußten, als daß auch er von ihnen nichts wußte und stets mit einer Stimme, die sich so gut wie nie hob oder senkte, einen Unterricht gab, der wahrscheinlich tip-top war, nur daß sie, besonders gegen Ende der Stunden, nahe daran waren, einzuschlafen. Heiliger Strohsack, was ist der Kandlbinder doch für ein Langweiler, hatte Franz manchmal gedacht. Dabei ist er noch jung! Sein Gesicht ist farblos, aber seine schwarzen Haare sind immer ein bißchen ungekämmt. Franz und alle seine Mitschüler hatten eine Zeitlang gespannt beobachtet, ob Kandlbinder, als er nach Ostern, zum Schuljahresbeginn, ihre Klasse in der Untertertia übernahm, sich einen Liebling aussuchen würde, oder auch einen, bei dem es klar wäre, daß er ihn nicht leiden konnte, aber inzwischen waren fast zwei Monate vergangen, in denen der Lehrer sorgfältig darauf geachtet hatte, sich nichts dergleichen anmerken zu lassen. Nur bei dem Zusammenstoß mit Konrad Greiff ist er aus den Pantinen gekippt, dachte Franz. Wenn sie in den Pausen oder auf dem Schulweg [15] über Kandlbinders Vorsicht sprachen, was nicht häufig vorkam, denn dieser Lehrer nötigte ihnen wenig Interesse ab, gab es immer einen, der achselzuckend bemerkte: "Der will sich bloß aus allem raushalten."

Der Rex hatte sich der Klasse zugewendet, er trug eine Brille mit dünnem Goldrand, hinter der blaue Augen scharf beobachteten, das Gold

Langtext

In seinem letzten vollendeten Werk, 1980 postum erschienen, kehrt Alfred Andersch in seine Jugend zurück. München, Mai 1928. Der Schüler Franz Kien erleidet eine Unterrichtsstunde bei Herrn Himmler, Direktor des Wittelsbacher Gymnasiums, Altphilologe, großbürgerlicher Katholik und Vater des späteren Reichsführers der SS. Im Nachwort stellt der Autor die Frage: Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Das literarische, moralische und politische Testament Alfred Anderschs.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Alfred Andersch, 1914 in München geboren, war nach dem Krieg u. a. Redaktionsassistent Erich Kästners bei der 'Neuen Zeitung', gab zusammen mit Hans Werner Richter die Zeitschrift 'Der Ruf' heraus, nahm an den ersten Tagungen der Gruppe 47 teil und war Herausgeber der literarischen Zeitschrift 'Texte und Zeichen'. Er lebte seit seinem Weggang als Leiter der Redaktion 'radio-essay', die er beim Süddeutschen Rundfunk begründete, als freier Schriftsteller in der Schweiz, wo er 1980 starb.

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