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Cover Sara und Simón

Sara und Simón

Eine endlose Geschichte

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
208 Seiten
ISBN 978-3-257-60094-0

Kurztext / Annotation

Nach dem Sturz der uruguayischen Militärdiktatur, nach Gefängnis und Folter, macht sich Sara auf die Suche nach ihrem verschwundenen Sohn. Doch als sie ihn nach zehn Jahren endlich gefunden zu haben glaubt, setzt die wirkliche Tragödie ein: Sara gerät in einen Teufelskreis der totalen Verweigerung. Präzises, einfühlsames Protokoll einer Frau im Kampf gegen alle und die bewegende Geschichte eines großen Verlustes.

Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und ein paar Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Madrid und Wien. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. Auroras Anlaß Abschied von Sidonie

Textauszug

[7] 1

Zur Zeit der Militärdiktatur geriet ein Bürger der Stadt Montevideo, Eduardo Cauterucci Pérez, in helle Aufregung. Als er nämlich am 19. August 1976, gegen acht Uhr abends, in die Hauseinfahrt einbog, entdeckte er in einer Nische neben seiner Wohnungstür, in der Straße Manuel Calleros Nummer 4945, eine Plastikschüssel, in der, unter einem leeren Stoffsack, ein wenige Wochen altes Kind lag. Um den Hals trug es ein Schild mit folgender Aufschrift: "Ich bin am 25. Juni geboren mein Name Marcelo Alejandro. Bitte habt ihn sehr lieb. Danke verzweifelte Mutter."

Ohne lange zu überlegen, packte der Mann die Schüssel und trug sie ins Haus. Im Schlafzimmer nahm er den Knaben, der ihn mit großen Augen ansah, in seine Arme, legte ihn aufs Bett und holte in aller Eile zwei Nachbarinnen zu Hilfe, die Schwestern Walquiria und Argelia D'Amato. Wenig später traf auch Cauteruccis Frau Elaine Lima ein, und nachdem sie sich überzeugt hatten, daß das Kind soweit gesund sei, verständigte Cauterucci einen alten Bekannten, den Wachtmeister Ledesma vom 16. Polizeirevier. In Begleitung von Walquiria D'Amato und Elaine Lima brachte Ledesma den Jungen ins Waisenhaus der Stadt. [8] Dort wurde er vom Kinderarzt Dr. Carlos Queirolo eingehend untersucht. Queirolos Befund zufolge handelte es sich um einen Säugling mit leichter Dystrophie, optimal entwickelt, von unauffälligem Verhalten. Anders als in ähnlich gelagerten Fällen, mit denen er sonst befaßt war (jährlich wurden in Montevideo vier bis fünf Babys ausgesetzt), war der Zustand des Kindes überaus zufriedenstellend. Das überraschte den Arzt; der Junge muß bisher gut gehalten worden sein, meinte er, Spuren körperlicher oder seelischer Verwahrlosung könne er nicht erkennen. Deshalb falle es schwer zu glauben, daß seine Mutter ihn einfach weggelegt habe. Er sei lebhaft und zeige sich an seiner Umgebung stark interessiert, wohingegen Kinder aus einem aggressiven Umfeld fast immer passiv und apathisch wirkten.

Gerührt wohl auch vom Zufall, der es gerade ihnen zugeführt hatte, hätte Elaine Lima das Kind gern behalten. So bekräftigte sie an Ort und Stelle ihre Bereitschaft, den kleinen Marcelo Alejandro an Kindes Statt anzunehmen. Ledesma, der selbst einen Augenblick lang mit dem Gedanken spielte, den auffallend hellhäutigen Jungen seiner Frau mitzubringen, erklärte ihr, sie müsse dieses Ansinnen beim zuständigen Pflegschaftsrichter deponieren. Schon am nächsten Tag wurde Frau Lima in dieser Angelegenheit bei Gericht vorstellig, wo man sie jedoch um etwas Geduld bat. Bei ihrer zweiten Vorsprache, eine Woche später, erfuhr sie, daß der Junge bereits einem anderen Ehepaar [9] zugesprochen worden sei. Auf ihre empörte Frage, weshalb man sie übergangen habe, erhielt sie die Auskunft, gemäß den üblichen Gepflogenheiten sei jenes Paar, da es kinderlos sei, auf natürlichem Weg nie Kinder haben könne und seit langem auf der Warteliste stehe, vorzuziehen gewesen. Sie möge diese Entscheidung nicht als mangelndes Vertrauen in ihre Fähigkeiten deuten; sicher wäre sie als Pflegemutter bestens geeignet, auch sei sie von untadeligem Leumund, doch habe sie ja leibliche Kinder und hindere sie nichts daran, selbst für weiteren Nachwuchs zu sorgen.

Elaine Lima, die in der Vorfreude auf ein neues Mitglied der Familie die Babywäsche ihres jüngsten Kindes hervorgeholt hatte, war enttäuscht, fügte sich aber in den Lauf der Dinge. Deshalb blieb ihr von der Episode nicht mehr als die allmählich verblassende Erinnerung an einen turbulenten Abend, und Cauterucci bedauerte es, daß er nicht daran gedacht hatte, das Findelkind in den Armen seiner Frau zu fotografieren.

In Montevideo, nicht allzu weit vom Fundort entfernt, lebte bis ins Jahr 1973 auch eine junge Frau namens Sara Méndez. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, hatte sie nach der Mittelschule einen Bürokurs absolviert. Zwar verspürte sie wenig Neigung, ei

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