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Cover Lesen statt klettern

Lesen statt klettern

Aufsätze zur literarischen Schweiz

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
480 Seiten
ISBN 978-3-257-60110-7

Kurztext / Annotation

"Wo andere Völker nach den Sternen greifen, fangen die Schweizer an zu klettern", schreibt Hugo Loetscher. Doch wer liest, statt zu klettern, findet in diesem Band 17 brillante Essays zur Schweizer Literatur mit ihren bekannten und weniger bekannten Protagonisten. Hugo Loetschers nicht ganz unpersönliche Ansätze zu Max Frisch, Ludwig Hohl, Adolf Muschg, Friedrich Dürrenmatt, Niklaus Meienberg u.v.a.m. bilden ein Standardwerk zur Schweizer Literaturgeschichte.

Hugo Loetscher, geboren 1929 in Zürich, gestorben 2009 ebendort. Seit 1965 bereiste er regelmäßig Lateinamerika, Südostasien und die USA, seit 1969 war er als freier Schriftsteller und Publizist tätig. Hugo Loetscher war Gastdozent an Universitäten in der Schweiz, den USA, Deutschland und Portugal sowie Mitglied der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung. 1992 wurde er mit dem Großen Schiller-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet.

Textauszug

[11] Die urbanen Platters - die andere helvetische Tradition

Gemeinhin lassen wir die deutschsprachige Literatur der Schweiz mit Albrecht von Hallers Gedichtband Die Alpen beginnen - aber es gäbe einen anderen Einstieg und eine andere Einsicht.

Zwar sind die Berge auch schon vor Haller bedichtet worden. Aber er war es, der ein Datum setzte. Erst 1732 erlangte die Alpendichtung dank des Berner Aristokraten literarischen Rang.

Nun waren die Alpen nicht irgendein Motiv; sie waren Bekenntnis. Modisch gesprochen: Sie waren identitätstiftend. Nicht umsonst hatte Haller, programmatisch wie entschuldigend, seine Verse "schweizerische" Gedichte genannt.

Die Bergwelt als das feierlich Ureigene - man konnte über sie ganz anderes lesen: Vom "hohen und grusamen Berg" schrieb Thomas Platter. Und das war zweihundert Jahre früher.

Thomas Platter (1499 - 1582), ein Walliser Geißbub, der die Bergwelt verließ, um in der Stadt seinen Wirkungsraum zu finden. Und Albrecht von Haller, der Städter, der in der Bergwelt göttliche und vaterländische Offenbarung erfuhr, der wanderte durch das Erhabene, ohne sich dort niederzulassen.

Auf der einen Seite Haller, der die Welt der Sennen [12] idyllisierte: "Wann Tugend Müh zur Lust und Armut glücklich macht... man ißt, man schläft, man liebt und danket dem Geschicke." Auf der andern Seite Platter, der sich erinnert: "Im Sommer mußte ich im Heu liegen, im Winter auf einem Strohsack voller Wanzen und oft auch voller Läuse. So liegen gewöhnlich die armen Hirtlein, die bei den Bauern in den Einöden dienen." Und manchmal war der Durst so groß, daß sich der Junge in die Hand pinkelte und das eigene Wasser trank. Trotz bitterarmer Jugend ("große armut von mutter lyb an") erinnert er sich an glückliche Momente wie ans Kristall-Suchen. Aber die Alpen waren bedrohlich - "grausig der Berg", "grausig der Fels".

Als Jüngling hatte Platter seine Bergwelt verlassen. Er kehrte gelegentlich noch dorthin zurück. Doch es blieb beim Zwischenhalt; auch wenn er später einmal daran dachte, sich mit seiner Familie im Herkunftstal niederzulassen: Die Absicht blieb von kurzer Dauer, und dies, obwohl die Walliser Regierung ihm das Schulwesen anvertrauen wollte.

Als er seinen Heimatort Grächen zum letzten Mal aufsuchte, war er vierundsechzig, Leiter eines Internats, Rektor der Münsterschule in Basel, ein erfolgreicher Drucker und angesehener Wissenschafter. Die Wiederbegegnung bestätigte Trennung und Abschied, die schon lange vorher stattgefunden hatten. Er hatte als Knabe beim Rodeln einst geglaubt: "Ich könnte es ebenso gut wie meine Brüder." Aber er machte, übers Rodeln hinaus, die Erfahrung: "Sie waren die Berge besser gewohnt als ich."

Auf diesem letzten Besuch begleitete ihn sein Sohn Felix (1536 - 1614), seinerseits ein anerkannter Mediziner, der [13] Würde nach Basler Stadtarzt. Dieser, in der Stadt geboren, hatte Mühe mit der Familienwallfahrt ins Oberwallis. Von ihm als Studenten hatte es geheißen: "Zuerst die medizinische Ausbildung und dann eine reiche Heirat... unser ehrgeiziger Jüngling verliert diese klassischen Wege des sozialen Aufstiegs nicht aus den Augen." Sein jüngerer Halbbruder wird für ihn die Grabinschrift entwerfen: "Aeskulap seiner Stadt und der ganzen Welt." Felix Platter hatte andere Reiseerfahrungen gemacht als sein Vater; er hatte in Montpellier Medizin studiert und auf dem Hinritt und dem Rückritt ein Stück Frankreich kennengelernt.

Der Vater, Thomas Platter, hingegen war als junger Geißhirt ausgezogen, um lesen und schreiben zu lernen. Was ihm, der Halbwaise, zu Hause geboten wurde, hatte wenig mit schulischer Bildung zu tun. Der Pfarrer, der sich seiner zeitweilig annahm, war großzügiger mit Schlägen als mit Lektionen; von dieser pädagogischen Methode hatte Platter mitgekrieg

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