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Cover Die im Dunkeln sieht man doch

Die im Dunkeln sieht man doch

von Barbara Vine; Übersetzt von: Renate Orth-Guttmann

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
368 Seiten
ISBN 978-3-257-60121-3

Kurztext / Annotation

Vera Hillyard wurde als eine der letzten Frauen in England 1950 gehenkt. Seitdem überschattet dieses Ereignis das Leben der Familie Longley. Denn: "Mord ist eine Sache der ganzen Familie. Er zeichnet das Kainsmal auf viele Stirnen." Jahre später versucht die Nichte, Licht in die Vergangenheit zu bringen. Ist sie wirklich die geborene Mörderin?

Barbara Vine (alias Ruth Rendell), geboren 1930, lebte in London. Ihre Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen. 1996 erhielt sie von der Queen den Ehrentitel Commander of the British Empire und 1997 schließlich den Grand Master Award der Mystery Writers of America für das Gesamtwerk. Sie wurde auf Vorschlag von Tony Blair geadelt und ins House of Lords berufen. Barbara Vine starb 2015 in London.

Textauszug

[5] 1

An dem Morgen, als Vera starb, wachte ich sehr früh auf. Die Vögel hatten schon angefangen zu singen, in unserem grünen Vorort war ihre Zahl größer und ihr Gesang lauter als auf dem Land. So hatten sie vor Veras Fenstern im Tal von Dedham nie gesungen. Ich lag da und horchte auf Laute, die sich monoton wiederholten. Es muß eine Drossel gewesen sein, eine Drossel, von der Browning so schön gedichtet hat, daß sie jedes Lied zweimal singt. Es war ein Donnerstag im August vor hundert Jahren. In Wirklichkeit natürlich ist es vielleicht fünfunddreißig Jahre her, es kommt einem bloß so lange vor.

Nur unter diesen Umständen weiß man genau, wann ein Mensch sterben wird. Jeder andere Tod läßt sich mit einiger Bestimmtheit voraussagen, mutmaßen, ja sogar absehen, nicht aber auf die Stunde, die Minute genau, ohne jeden Hoffnungsschimmer. Vera würde um acht sterben, basta. Mir wurde flau. Ich lag übertrieben still und horchte auf Geräusche aus dem Nebenzimmer. Wenn ich wach war, würde mein Vater es auch sein. Bei meiner Mutter war ich mir nicht so sicher. Sie hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß sie seine beiden Schwestern nicht leiden mochte. Das war einer der Gründe für die Entfremdung zwischen ihnen, obgleich sie nach wie vor zusammen im Nebenzimmer schliefen, in einem Bett. Einen Ehebruch, eine Trennung, diese Dinge ging man damals nicht so leichten Herzens an.

Ich überlegte, ob ich aufstehen sollte, aber zuerst wollte ich wissen, wo mein Vater war. Ihm auf dem Gang zu begegnen, wir beide im Morgenrock, mit vor Schlaflosigkeit verquollenen Augen, beide auf dem Weg ins Badezimmer und uns höflich den Vortritt lassend - irgendwie war das eine scheußliche [6] Vorstellung. Gewaschen wollte ich ihm gegenübertreten, gekämmt und gegürtet. Ich hörte nichts, nur die Drossel, die ihre stupide Strophe nicht zweimal, sondern fünf- oder sechsmal wiederholte.

Bestimmt würde er wie gewohnt zur Arbeit gehen. Und Veras Name würde nicht fallen. In unserem Haus hatte über die ganze Geschichte seit Vaters letztem Besuch bei Vera niemand ein Wort verloren. Einen schwachen Trost gab es für ihn: Niemand wußte etwas. Man kann seiner Schwester, seiner Zwillingsschwester, sehr nahe stehen, ohne daß jemand um die Beziehung weiß, und keinem unserer Nachbarn war bekannt, daß er Vera Hillyards Bruder war. Auch von den Bankkunden wußte es niemand. Wenn heute der Hauptkassierer eine Bemerkung über Veras Tod machte, was durchaus denkbar war, was viele Leute tun würden, besonders auch ihres Geschlechts wegen, würde mein Vater ein liebenswürdig-glattes, gemäßigt interessiertes Gesicht machen und eine passende Platitüde äußern. Schließlich ging das Leben ja für ihn weiter.

Auf dem Gang knarrte ein Bodenbrett. Ich hörte, wie die Schlafzimmertür, dann die Badezimmertür zuschlug. Daraufhin stand ich auf und besah mir den Tag. Ein sauberer, weißer, stiller Morgen ohne Sonne und blauen Himmel, ein Morgen im Wartestand, so schien es mir, weil ich wartete. Wenn man in einem bestimmten Winkel an diesem Fenster stand und hinausschaute, sah man keine Häuser, so üppig waren die Bäume und Büsche, so dicht ihr Laub. Es war wie der Blick in die Lichtung eines sehr gepflegten Waldes. Vera hatte über die Wohnlage meiner Eltern die Nase gerümpft, nicht richtig Stadt und nicht richtig Land, sagte sie immer.

Jetzt war meine Mutter auf. Wir waren alle blödsinnig früh dran, wie vor einer Urlaubsreise. Früher, vor einer Fahrt nach Sindon, war ich manchmal so früh wach gewesen, zappelig, voller Vorfreude. Wieso hatte ich mich immer auf Vera gefreut, die, wenn sie mit mir allein war, ständig und unmotiviert an [7] mir herumnörgelte, die gemeinsam mit Eden jeden abgeschmettert hatte, der versuchen mochte, in ihren Bund einzudringen? Ich hatte wohl immer noch Hoffnung gehabt. Bei jedem Besuch war ich ein bißchen älter geworden, vielleicht hatte sie sich ja inzwischen geände

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Barbara Vine (alias Ruth Rendell), geboren 1930, lebt in London. Ihre Bücher erhielten zahlreiche literarische Auszeichnungen. Mit 'König Salomons Teppich' wurde zum vierten Mal - eine Rekordzahl - ein Werk von ihr mit dem Gold Dagger Award der Crime Writers' Association ausgezeichnet, 1996 erhielt sie von der Queen den Ehrentitel Commander of the British Empire und 1997 schließlich den Grand Master Award der Mystery Writers of America für das Gesamtwerk und wurde auf Vorschlag von Tony Blair geadelt und ins britische Oberhaus berufen.
Die britische Bestseller-Autorin starb 85-Jährig am 2. Mai 2015.

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