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Cover Cherryman jagt Mister White

Cherryman jagt Mister White

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
176 Seiten
ISBN 978-3-257-60134-3

Kurztext / Annotation

Achtzehn Jahre, Ostdeutscher, arbeitslos, Nazimitläufer - der Stoff, aus dem ein deutscher Held ist? Wie viel Gewalt erlaubt die Notwehr? Und wie schmutzig darf man sich die Hände machen beim Griff nach dem Glück?

Jakob Arjouni, geboren 1964 in Frankfurt am Main, veröffentlichte Romane, Theaterstücke, Erzählungen und Hörspiele. Er war 21 Jahre alt, als sein Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya in Happy birthday, Türke! Ein Mann, ein Mord Hausaufgaben Chez Max Cherryman jagt Mister White

Textauszug

[9] 1

Ich hatte die vier schon von weitem gesehen und gehofft, sie wären zu beschäftigt oder zu blau, um mich zu bemerken. Heiko, Mario, Robert und Vladimir. Statt wie üblich die Abkürzung über die Wiese zu nehmen, folgte ich dem Kiesweg und machte einen weiten Bogen um sie. Aber ich hatte nicht bedacht, wie laut der Kies an einem windstillen, trockenen Tag unter meinen Schritten knirschen würde.

"He, Rick!"

Ich hielt den Blick gesenkt.

"Komm her!"

"Na los!"

"Rick!"

"Ri-hik!"

"Rickilein!"

Aus den Augenwinkeln vergewisserte ich mich, dass sie keine Anstalten machten aufzustehen. Sie saßen gegen die Rückwand des Supermarkts gelehnt im Schatten der Müllcontainer, vor ihnen [10] leere Flaschen und ein Bierkasten. Ich bemühte mich, normal weiterzugehen. Dabei sah ich angestrengt vor mich hin, als beschäftigte mich eine komplizierte Matheaufgabe.

"Wenn du nicht sofort herkommst, gibt's was!"

"Rick!"

"Eins, zwei..."

"Zweieinhalb..."

"Denk an euren Kirschbaum!"

Ich ließ mir nichts anmerken.

Im letzten Frühling hatten sie rostige Nägel in unseren Kirschbaum geschlagen und ihn damit vergiftet. Ein paar Monate später war er eingegangen. Mein Lieblingsbaum. Weil ich den Vereinsbeitrag nicht gezahlt hatte. Dabei war "Vereinsbeitrag" natürlich ein Witz. Es gab gar keinen Verein, und wenn, wäre ich in ihrem Verein niemals Mitglied geworden. Es ging nur um Abzocke. Vielleicht auch darum, Mafia zu spielen, wie im Kino.

"Oder an die Miezi?"

"Miezi, Miezi!"

"Miezi, Miezi, Miezi - platsch!"

Sie lachten betrunken.

Drei Monate zuvor hatte Robert meine Katze mit voller Wucht gegen die Wand des Bienenhauses geworfen. Einfach so.

[11] "Du hast schon wieder nicht gezahlt."

"Ich hab kein Geld."

"Weil du alles für die Heftchen ausgibst. Hat dir deine Tante nicht beigebracht, dass Comics dumm machen?"

Ich antwortete nicht, auch wenn ich gerne so was gesagt hätte wie: Na, dann musst du ja der super Comic-Kenner sein.

"Guck mal, was ich hier habe..."

Und er zog Tiger aus seiner Adidas-Umhängetasche, und mir wurde augenblicklich kotzübel. Robert war von allen in der Gruppe mit Abstand der Kränkste. Er schwenkte Tiger am Nackenfell in der Luft hin und her und grinste. Tiger zappelte und fauchte.

"Lass ihn los", sagte ich und bemühte mich um einen ruhigen Ton, obwohl mir fast die Stimme wegblieb. "Bitte...!"

Gleichzeitig überkam mich ein solcher Hass, aber ich konnte nichts tun. Robert war fast doppelt so breit und mehr als doppelt so schwer wie ich, ein fettes brutales Riesenbaby.

"Ist doch ganz einfach, Rick: Du musst deine Beiträge bezahlen, dann sind wir Freunde, und du hast deine Ruhe."

"Bitte, Robert, lass ihn los. Ich zahl ja, ich war nur in den letzten Monaten ein bisschen knapp, aber... [12] Ich weiß was! Ich verkauf meinen CD -Player, gleich nachher, ganz bestimmt - bitte..."

Tiger schrie jetzt vor Wut und Schmerzen und versuchte immer wieder, den Kopf zu Robert umzudrehen, als könne er nicht glauben, dass jemand ihn so behandelte - ihn, den stolzen Herrscher über Tante Bambuschs Garten.

"Hast du das letzte Mal auch gesagt: sofort, gleich, ganz bestimmt. Und dann... Du bist uns ausgewichen, Ricki, ich hab's gesehen. Immer hintenrum zum Lidl. Und zum Altstadtfest bist du auch nicht gekommen."

"Aber doch nicht wegen euch. Tante Bambusch war krank, und ich..."

"Und da hast du ihr das Bettchen gemacht, und Teechen - der butzi-butzi Ricki. Solltest sie besser richtig schwer krank werden lassen, erbst doch alles, Ricki. Und dann kannst du auch deine Beiträge immer zahlen."

Er grinste. Tiger zappelte inzwischen nur noch mit den Beinen, fauchte hin und wieder fassungslos und warf mir verstörte Blicke zu. Ic

Langtext

Achtzehn Jahre, Ostdeutscher, arbeitslos, Nazimitläufer der Stoff, aus dem ein deutscher Held ist? Wie viel Gewalt erlaubt die Notwehr? Und wie schmutzig darf man sich die Hände machen beim Griff nach dem Glück?

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Jakob Arjouni, geboren 1964 in Frankfurt am Main, studierte zunächst, jobbte nach dem Abitur einige Jahre in Südfrankreich und lebte dann in Berlin. Er veröffentlichte Romane, Theaterstücke, Erzählungen und Hörspiele. Zusammen mit seiner Familie lebte der Autor vorwiegend in Südfrankreich. Im Januar 2013 erlag Jakob Arjouni einem Krebsleiden.

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