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Cover Mit Haut und Haaren

Mit Haut und Haaren

von Arnon Grünberg; Übersetzt von: Rainer Kersten

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
688 Seiten
ISBN 978-3-257-60146-6

Textauszug

[11] 1

"Worauf wartest du noch?", fragt Lea.

Sie trägt einen schwarzen Wollmantel mit Pelzkragen, aus dem Secondhand-Laden. Einen neuen könnte sie sich in dieser Preisklasse nicht leisten.

Lea reist mit leichtem Gepäck. Ein Rucksack genügt für fünf Tage. Mit einem Föhn bekommt man die meisten Knitterfalten aus der Kleidung wieder heraus.

Auf ihrem Knie liegt eine Hand. Doch eine Hand auf dem Knie ist noch keine Intimität.

"Wovon sind Sie noch mal Kennerin?", hatte ein Professor am Abend sie beim Abschiedsumtrunk gefragt, während er die Hand wie nebenbei auf ihren Oberarm legte. Ihr war es unangenehm gewesen. Sowohl seine Frage als auch die Berührung.

Keine Stunde zuvor hatte sie im Badezimmer ihr Kleid über die Dusche gehängt und es mit dem Föhn bearbeitet. Die Knitterfalten gingen schwerer raus als gedacht. Doch morgen Vormittag fliegt sie nach Hause, dann kann sie das Kleid dampfbügeln lassen.

'Kenner'. Ein alberner Ausdruck. Eigentlich kann man ihn nur in der Verneinung benutzen, wie zum Beispiel in: "Ich bin kein Kenner chinesischer Vasen."

Sie ist Spezialistin für Rudolf Höß, das könnte man sagen. "Höß", hatte sie darum erwidert und sich dann mit [12] den Worten entschuldigt: "Ich muss kurz nachsehen, ob ein paar Bekannte von mir noch da sind."

In einer Ecke, eingeklemmt zwischen einem Pfeiler und einem gestikulierenden Herrn mit Bart, hatte sie Roland Oberstein entdeckt. Am liebsten wäre sie direkt auf ihn zugegangen, um ihn anzuflehen: "Rette mich."

Pathetisch natürlich. Doch ist die Hoffnung, gerettet zu werden, nicht immer pathetisch? Wie aber ohne die Hoffnung auskommen? Und wenn wir schon Rettung suchen: Sollten wir uns dabei nicht lieber nur auf uns selbst verlassen? Sie weigert sich, dies als Leitsatz zu akzeptieren.

Der Professor war ihr gefolgt. "Höß", hatte er gesagt, "der Kommandant von Auschwitz. Spannendes Thema. Hatte er nicht ein Verhältnis mit einer Lagerinsassin? Nach dem Krieg haben die Polen ihn aufgehängt, nicht wahr?" Daraufhin hatte der Professor Lea an eine Wand manövriert und ihr einen Vortrag über die Nürnberger Prozesse gehalten. Er habe dazu einen großen Artikel verfasst, und außerdem - hatte er übergangslos hinzugefügt - leide er an einer Glutenallergie und backe sich darum jeden Morgen zum Frühstück Pfannkuchen aus Buchweizenmehl.

Leas Zimmer ist auf einer Nichtraucheretage, trotzdem stinkt es darin nach Rauch. Unmittelbar nach der Ankunft hatte sie die Rezeption angerufen und um ein zusätzliches Handtuch gebeten. Sie sucht Gesellschaft, schon lange. Hier in dieser Stadt, wo sie schon zweimal gewesen ist, soll es endlich so weit sein. Wenn nicht jetzt, wann dann? So viele Konferenzen besucht sie nun auch wieder nicht. Außerdem mag Lea große Handtücher. Wenn sie schon kein Badetuch bekommen kann, möchte sie wenigstens zwei kleine.

[13] Die Rezeptionistin hatte Leas Deutsch nicht verstanden. Daraufhin hatte Lea ihre Bitte auf Englisch wiederholt, aber auch damit hatte die Rezeptionistin offenbar Schwierigkeiten. "Sie haben doch schon eins", hatte sie in gebrochenem Englisch geantwortet. "Es sind doch Handtücher auf Ihrem Zimmer?" Sie hatte argwöhnisch geklungen. Der Gast als Handtuchdieb.

Lea hat langes, kräftiges braunes Haar. Ab und zu entfernt sie ein graues mit einer Nagelschere. Ansonsten wirkt sie eher zerbrechlich. Man sagt ihr oft, sie habe einen traurigen Blick, obwohl sie das selbst gar nicht findet. Andere wiederum meinen, sie sei ein Genie. Vielleicht müssen Genies unglücklich dreinschauen.

Trotzdem würde sie gern anders wirken. Wenigstens nicht so, dass Leute sofort denken: Mein Gott, was ist die Frau schwermütig. Seit kurzem schluckt sie Tabletten gegen die Schwermut. Es gibt Nachmittage, an denen sie vom Schreibtisch aufsteht, um sich einen Kaffee zu kochen, dann in die Küche geht und plötzlich denkt:

Langtext

Mit Haut und Haaren ist eine messerscharfe Satire über die ewige Kontaktsuche von Beziehungsflüchtlingen. Bravourös spitzt Arnon Grünberg innere Widersprüche zu aphoristischen Paradoxen zu.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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