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Cover Nachtbuch für Astrid

Nachtbuch für Astrid

Von der Liebe, vom Sterben, vom Tod und von der Trauer darüber, den geliebten Menschen verloren zu haben

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
128 Seiten
ISBN 978-3-257-60154-1

Kurztext / Annotation

Nach dem Tod seiner Frau begann Hansjörg Schneider ein Tagebuch über seinen Schmerz und seine Verzweiflung, über ihr gemeinsames Leben zu schreiben. Ein bewegendes Dokument der Trauer.

Hansjörg Schneider, geboren 1938 in Aarau, arbeitete als Lehrer und als Journalist. Mit seinen Theaterstücken war er einer der meistaufgeführten deutschsprachigen Dramatiker, seine Hunkeler

Textauszug

[7] Basel, 27. 11. 97

Heute am späten Morgen werde ich mit meinem Sohn zusammen auf dem Friedhof Hörnli die Asche meiner Ehefrau A. Schneider-Hauri abholen. Ich werde die Urne zuerst in ihr Zimmer unter das Klavichord stellen, das sie vor gut einem Jahr gekauft hat. Dieses Klavichord hat für A. ein neues Leben bedeutet. Sie hat Stunden genommen, hat zart geklimpert, erst Tonleitern, dann die ersten Sonatinen. Sie hatte vor, ihr weiteres Leben mit selbstgespielter Musik zu verschönern.

Am 22. November, vor fünf Tagen, ist sie im Basler Kantonsspital gestorben. Am 29. November, in zwei Tagen, findet die Abdankung statt. Die Urne werde ich später einmal, auf ihren Wunsch hin, nach Carona im Tessin mitnehmen und auf dem Friedhof in eine Nische stellen. Auch meine Urne wird dort einmal Platz finden, wenn ich es dann noch will und Zeit finden werde, meinen Entscheid bekanntzugeben.

Im Moment helfen mir nur Wörter, die ich aufschreibe. Gespräche helfen mir nicht, sie öden mich an. Ich versuche, ein Tagebuch zu führen, um mich zu retten.

[8] Knoeringue /Elsass, 28. 11. 97

Ich bin soeben in unserem Haus in Berentzwiller/Elsass gewesen, welches A. vor rund 15 Jahren unbedingt hat kaufen wollen. Ich bin damals dagegen gewesen, aber sie hat sich einmal mehr durchgesetzt. Es ist ein Riegelhaus, gebaut aus Eichenbalken und Lehm, mit Stall, Scheune und Umschwung. Der Wohntrakt ist in Ordnung, der Rest halb verfallen. Eines der Nester, die wir uns eingerichtet haben, um darin heimisch zu werden.

Jetzt kommen mir die Tränen, wenn ich das Haus betrete. Es riecht alles nach A. Sie war eine leidenschaftliche Einrichterin. Da sie in früher Jugend keine wohlige Heimat hatte, hat sie sich selber eine geschaffen in diesem Haus.

Ich werde es wohl verkaufen müssen. Die Küche mit dem Holzherd, die Stube mit Ofenkunst und Eisenofen, neben dem mein Bett steht. A.s Zimmer nebenan mit dem breiten Bett, in das ich hineinkriechen konnte, wann immer ich wollte, um sie im Schlaf zu umarmen. Draußen vor dem Fenster der Kirschbaum, drum herum lehmige Wiese, dahinter die Ferne, der hohe Himmel. Im Sommer die Grillen, im Winter die Käuze, im Frühling der Vogelgesang.

Hier haben wir die schönsten Abende verbracht. Ein Nachtessen in der Beiz in Knoeringue, in der ich [9] jetzt sitze, dann eine kurze Fahrt zu unserem Haus. Sie legte sich ins Bett, ich setzte mich draußen an den Tisch unter ihrem offenen Fenster und trank noch ein Bier. Die Fledermäuse im eindunkelnden Himmel, das Rauschen der Pappel im Nachtwind, die Sterne über dem Haus. Im Hochsommer, wenn es in Basel brütend heiß ist, steigt hier eine feuchte Kühle aus dem Lehmboden. Wir haben miteinander geredet durchs offene Fenster, langsam und sorgfältig, und ich habe ihr die Gedichte aufgesagt, die ich auswendig kann.

Dämmrung senkte sich von oben,
schon ist alle Nähe fern.
Doch zuerst emporgehoben
holden Lichts der Abendstern.

Dann vernahm ich ihre tiefen Atemzüge, die bald in leises Schnarchen übergingen. Ich wusste, jetzt schläft sie gut.

Ich habe diese Nächte über alles geliebt und bin manchmal bis um zwei sitzen geblieben. Ich habe mich eins gefühlt mit der Natur, als ein Lebewesen, das in diesem Moment wunderschön lebte. Nach Mitternacht habe ich seltsame Amphibien schreien hören, es müssen Kreuzkröten gewesen sein. Mir fiel auf, wie groß und hoch der Himmel die Erde [10] umspannte. Wie leicht der Wind durch die Laubbäume ging. Wie gut es war, eine träumende Frau neben sich zu wissen.

Vor rund drei Wochen, als der Arzt mir sagte, dass jetzt nichts mehr zu machen sei gegen den nahen Tod, habe ich folgendes Gedicht geschrieben:

Du klebst auf meiner Haut
Salzkorn
solange ich lebe.

Du liegst mir unter dem Augenlid
Sandkorn.
Ich wasche dich am Tag
ich wasche dich in der N

Langtext

Nach dem Tod seiner Frau begann Hansjörg Schneider ein Tagebuch über seinen Schmerz und seine Verzweiflung, über ihr gemeinsames Leben zu schreiben. Ein bewegendes Dokument der Trauer.

Beschreibung für Leser

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