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Cover Die Taube

Die Taube

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
112 Seiten
ISBN 978-3-257-60176-3

Kurztext / Annotation

In fünf Monaten wird der Wachmann einer Pariser Bank, der als einzigen Nutzen seiner Tätigkeit das Öffnen des Tores vor dem Direktionswagen erkannt hat, das Eigentum an seiner kleinen Mansarde endgültig erworben haben, wird ein weiterer Markstein seines Lebensplanes gesetzt sein. Doch dieser fatalistische Ablauf wird an einem heißen Freitagmorgen im August 1984 jäh vom Erscheinen einer Taube in Frage gestellt.

Patrick Süskind, geboren 1949 in Ambach am Starnberger See, studierte in München und in Aix-en-Provence mittlere und neuere Geschichte und verdiente seinen Lebensunterhalt zunächst mit dem Schreiben von Drehbüchern. 1984 erschien sein Ein-Personen-Stück Der Kontrabaß Das Parfum Die Taube Die Geschichte von Herrn Sommer

Textauszug


[5] Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag zum andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, daß ihm überhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod. Und das war ihm durchaus recht. Denn er mochte Ereignisse nicht, und er haßte geradezu jene, die das innere Gleichgewicht erschütterten und die äußere Lebensordnung durcheinanderbrachten.

Die meisten derartigen Ereignisse lagen Gott sei Dank weit zurück in der grauen Vorzeit seiner Kindheits- und Jugendjahre, und er erinnerte sich ihrer am liebsten überhaupt nicht mehr, und wenn, dann nur mit größtem Unbehagen: An einen Sommernachmittag in Charenton etwa, im Juli 1942, als er vom Angeln nach Hause kam - es hatte ein Gewitter gegeben an jenem Tag und dann geregnet, nach langer Hitze, auf dem Heimweg hatte er die Schuhe ausgezogen, war mit nackten Füßen auf dem [6] warmen, nassen Asphalt gegangen und durch die Pfützen gepatscht, ein unbeschreibliches Vergnügen... - er war also vom Angeln nach Hause gekommen und in die Küche gelaufen, in der Erwartung, die Mutter dort beim Kochen anzutreffen, und da war die Mutter nicht mehr vorhanden, nur noch ihre Schürze war vorhanden, sie hing über der Lehne des Stuhls. Die Mutter sei weg, sagte der Vater, sie habe für längere Zeit verreisen müssen. Man hat sie fortgeschafft, sagten die Nachbarn, man hat sie zuerst ins Vélodrome d'Hiver geschafft und dann hinaus ins Lager von Drancy, von dort geht's nach Osten, da kommt keiner zurück. Und Jonathan begriff nichts von diesem Ereignis, das Ereignis hatte ihn vollkommen verwirrt, und ein paar Tage später war dann auch der Vater verschwunden, und Jonathan und seine kleinere Schwester befanden sich plötzlich in einem Zug, der nach Süden fuhr, und wurden nächtens von wildfremden Männern über eine Wiese geführt und durch ein Waldstück gezerrt und abermals in einen Zug gesetzt, der nach Süden fuhr, weit, unbegreiflich weit, und ein Onkel, den sie bisher noch nie gesehen hatten, holte sie ab in Cavaillon und brachte sie auf seinen Bauernhof nahe der Ortschaft Puget im Tal der Durance und hielt sie dort versteckt bis zum Ende des Krieges. Dann ließ er sie auf den Gemüsefeldern arbeiten.

[7] Anfang der fünfziger Jahre - Jonathan begann, an der Existenz eines Landarbeiters Gefallen zu finden - verlangte der Onkel, er solle sich zum Militärdienst melden, und Jonathan verpflichtete sich gehorsam für drei Jahre. Im ersten Jahr war er einzig damit beschäftigt, sich an die Widerwärtigkeiten des Horden- und Kasernenlebens zu gewöhnen. Im zweiten Jahr wurde er nach Indochina verschifft. Den größten Teil des dritten Jahres verbrachte er mit einem Fußschuß und einem Beinschuß und der Amöbenruhr im Lazarett. Als er im Frühjahr 1954 nach Puget zurückkehrte, war seine Schwester verschwunden, ausgewandert nach Kanada, hieß es. Der Onkel verlangte nun, daß sich Jonathan unverzüglich vereheliche, und zwar mit einem Mädchen namens Marie Baccouche aus dem Nachbarort Lauris, und Jonathan, der das Mädchen noch nie gesehen hatte, tat brav wie ihm geheißen, ja tat es sogar gerne, denn wenngleich er nur eine ungenaue Vorstellung von der Ehe besaß, so hoffte er doch, in ihr endlich jenen Zustand von monotoner Ruhe und Ereignislosigkeit zu finden, der das einzige war, wonach er sich sehnte. Aber bereits vier Monate später gebar Marie einen Knaben, und noch im selben Herbst brannte sie durch mit einem tunesischen Obsthändler aus Marseille. -

Aus all diesen Vorkommnissen zog Jonathan Noel [8] den Schluß, daß auf die Menschen kein Verlaß sei und daß man nur in Frieden leben könne, wenn man sie sich vom Leibe hielt. Und wei

Beschreibung für Leser

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Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Patrick Süskind, geb. 1949 in Ambach am Starnberger See, hat in München und in Aix-en-Provence mittlere und neuere Geschichte studiert und seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Drehbüchern verdient.

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