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Cover Ganz normale Helden

Ganz normale Helden

von Anthony McCarten; Übersetzt von: Gabriele Kempf-Allié; Manfred Allié

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
464 Seiten
ISBN 978-3-257-60187-9

Kurztext / Annotation

Im Internet ist Jeff ein Star, verdient viel Geld, vor allem aber kann er hier gegen die Geister kämpfen, die ihn nicht loslassen: Schule, Mädchen und den Tod seines Bruders. Sein Vater will nicht noch einen Sohn verlieren und loggt sich in die ihm fremde Welt der unbegrenzten Möglichkeiten ein. Dabei begreift er auch, was in der alten Welt wirklich wichtig ist.

Anthony McCarten, geboren 1961 in New Plymouth/Neuseeland, schrieb als 25-Jähriger mit Stephen Sinclair den Theaterhit Ladies Night The Theory of Everything Darkest Hour

Textauszug

[45] Level zwei
Der größte Maskenball aller Zeiten

Zwei Wochen sind vergangen, seit die Delpes Jeff zuletzt gesehen haben, zwei Wochen seit seinem jähen Verschwinden. Seit dem Tag hat er kein einziges Mal angerufen, keine Mail oder SMS geschickt, und seine Eltern kommen vor Angst fast um, ihrem übriggebliebenen Sohn könnte etwas Entsetzliches zugestoßen sein.

James Delpe sitzt in seinem Büro in der Anwaltskanzlei, die er selbst mitbegründet hat, und grübelt. Jetzt springt er auf und geht mit für hochgewachsene Männer typischen weitausgreifenden Schritten zum Büro von Nathan Gladwell, dem Computerexperten. Er braucht Anworten auf seine Fragen.

Das Großraumbüro ist in Zellen unterteilt - eine Schreibkraft, ein Praktikant, eine der zahllosen Sekretärinnen -, und alle sind sie miteinander vernetzt, bilden ein gemeinsames Ganzes, jeder über seine Tastatur gebeugt, das Gesicht vom Bildschirm erhellt, alle tippen manisch, klack, klack, klack, klack, allem Anschein nach hart arbeitend, obwohl sie in Wahrheit vermutlich nur aneinander E-Mails schreiben. Zu diesem schockierenden Ergebnis ist zumindest vor kurzem eine firmeninterne Untersuchung gekommen. Die Finger tippen kein Hochachtungsvoll oder Sehr geehrte Damen und Herren, sondern eher He, Mann oder CUL 8tr [46] und zum Abschluss das internationale Symbol für Heiterkeit, :)

Kein Wunder, dass Jim erste Anzeichen von Verachtung für die digitale Technik zeigt.

Einige fragen Jim, wie es ihm geht. "Bestens", sagt er. Zwei erkundigen sich nach Renata. Er zwingt sich zu einem Lächeln. "Der geht's prima."

Er geht vorbei an den Schreibtischen und Arbeitsnischen seiner vielen Angestellten und denkt zurück an die Zeit, als die Firma noch nur aus ihm und Danby bestand; ein Fotokopierer, alte Pizzaschachteln auf dem Fußboden, eine Packung Tipp-Ex, einfach nur zwei Männer, die von einem schäbigen Büro im Geschäftsviertel von Watford aus operierten und versuchten, aus dem Nichts etwas aufzubauen. Heute nimmt die Firma zwei Stockwerke ein und bearbeitet alles, von Arbeits- über Ehe- und Patentrecht bis hin zu Seerecht, und bei allem Erfolg halten er und Danby und Roland die Honorare weiterhin niedrig, getreu ihrem alten liberalen Credo: Anständige Leute leisten anständige Arbeit für anständige Leute. Eine Anwaltskanzlei sollte so etwas wie Liebe im Krieg anbieten, einen Kuss auf dem Schlachtfeld, während ringsum die Bomben fallen. Ähnlich wie Ärzte sollten sie heilen, kurieren und dabei die hehrsten Ideale hochhalten. Dieser Idealismus ist der Nährboden, auf dem Danby, Delpe, Roland & Partner wächst und gedeiht.

Endlich findet er Nathan. An seinem Schreibtisch in einem kleinen Nebenraum. Mager, 26, blond, stupsnasig, kurze Designer-Dreadlocks - als säße er in einem Zelt in Glastonbury, eine Oud auf den Knien. Und zu ihm pilgern [47] nun die intelligentesten Köpfe der Kanzlei, denn er ist der Einzige, der den neuen Rosettastein entziffern kann, den obskuren Computercode, der für Jim und seinesgleichen ebenso unverständlich ist wie Hieroglyphen für die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts.

Wie Jim feststellt, tut auch dieser Knabe nur so, als ob er arbeitet. Er schleudert sein Technoporno-Magazin in eine Ecke, setzt sich aufrecht hin und weckt mit einem Tastendruck - klack - seinen Rechner sowie sich selbst aus dem Ruhemodus.

"Hier stecken Sie also", sagt Jim. "Sind Sie bereit?"

"Auf los geht's los", antwortet der junge Mann mit dem Grinsen, das bei ihm Standardeinstellung ist. Ein eigenartiges Zucken. Irgendetwas stimmt nicht mit seinem Mund. Er sieht aus wie jemand, der keine ordentliche Mutter hat, keine richtigen Freunde, ein Einzelgänger halt. "Also, was liegt an, Mr. Delpe, was ist das für ein Problem mit Ihrem Sohn?"

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