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Cover In einer Person

In einer Person

von John Irving; Übersetzt von: Hans M. Herzog; Astrid Arz

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
752 Seiten
ISBN 978-3-257-60190-9

Kurztext / Annotation

Auf der Laienbühne seines Großvaters in Vermont lernt William, dass gewisse Rollen sehr gefährlich sind. Und dass Menschen, die er liebt, manchmal ganz andere Rollen spielen, als er glaubt: so wie die geheimnisvolle Bibliothekarin Miss Frost. Denn wer sich nicht in Gefahr begibt, wird niemals erfahren, wer er ist.

John Irving, geboren 1942 in Exeter, New Hampshire, lebt in Toronto. Seine bisher dreizehn Romane wurden alle Weltbestseller und in mehr als 35 Sprachen übersetzt, vier davon verfilmt. 1992 wurde Irving in die National Wrestling Hall of Fame in Stillwater, Oklahoma, aufgenommen, 2000 erhielt er einen Oscar für die beste Drehbuchadaption für die Verfilmung seines Romans Gottes Werk und Teufels Beitrag

Textauszug

[11] 1

Eine Rollenbesetzung mit Hindernissen

Ich möchte damit anfangen, von Miss Frost zu erzählen. Auch wenn ich immer sage, ich sei Schriftsteller geworden, weil ich im prägenden Alter von fünfzehn einen bestimmten Dickens-Roman las, war ich in Wahrheit jünger, denn als ich das erste Mal Miss Frost begegnete und mir vorstellte, Sex mit ihr zu haben, bedeutete dieser Augenblick meines sexuellen Erwachens zugleich die Sturzgeburt meiner Phantasie. Was wir begehren, prägt uns. Ein flüchtiger Moment verstohlenen Begehrens, und ich wollte Schriftsteller werden und Sex mit Miss Frost haben - nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Ich lernte Miss Frost in einer Bibliothek kennen. Ich mag Bibliotheken, obwohl ich Mühe mit der Aussprache des Wortes habe - im Plural wie im Singular. Offenbar fällt mir die Aussprache bestimmter Wörter äußerst schwer; überwiegend Hauptwörter: Menschen, Orte und Dinge, die mich entsetzlich aufgeregt, in schwere Konflikte oder abgrundtiefe Panik gestürzt haben. Na ja, jedenfalls sind die diversen Stimmbildner, Logopäden und Psychiater, die mich - leider vergeblich - behandelt haben, zu dieser Ansicht gelangt. In der Grundschule blieb ich einmal sitzen: wegen "schwerer Sprachstörungen", was maßlos übertrieben war. Mittlerweile bin ich Ende sechzig, fast siebzig, [12] und die Ursache meiner Sprachfehler ist mir inzwischen egal. (Kurz und knapp: Scheiß auf die Kausalität.)

Das Wort Kausalität versuche ich gar nicht erst auszusprechen, wohingegen ich mir durchaus eine halbwegs verständliche falsche Aussprache von Bibliothek oder Bibliotheken abringen kann, bei der das vertrackte Wort am Ende wie eine exotische Frucht herauskommt. ("Bibbelothek", oder "Bibbelotheken", sage ich - kindisch.)

Umso komischer, dass meine erste Bibliothek nicht der Rede wert war. Es war die Gemeindebücherei des Örtchens First Sister in Vermont, ein gedrungener roter Klinkerbau an der Straße, in der auch meine Großeltern wohnten. Ich lebte bei ihnen in der River Street, bis ich fünfzehn war und meine Mutter wieder heiratete. Meinen Stiefvater hatte sie bei einer Theateraufführung kennengelernt.

Die örtliche Laienschauspieltruppe nannte sich die First Sister Players; so weit ich zurückdenken kann, habe ich alle Aufführungen im kleinen Theater unseres Städtchens gesehen. Meine Mutter war die Souffleuse: Wenn jemand seinen Text vergaß, sagte sie ihm vor. (Da es eine Laiten truppe war, wurde eine Menge Text vergessen.) Lange glaubte ich, die Souffleuse sei auch Schauspielerin - eine, die geheimnisvollerweise nicht mit auf der Bühne stand und nicht kostümiert, aber für den reibungslosen Ablauf unentbehrlich war.

Als meine Mutter ihn kennenlernte, war mein Stiefvater ganz neu bei den First Sister Players. Er war gerade erst zugezogen, um in der Favorite River Academy zu unterrichten - der fast schon renommierten Privatschule, damals nur für Jungen. Schon als Kind, spätestens aber mit zehn oder elf, muss ich gewusst haben, dass ich irgendwann, [13] wenn ich "groß genug" wäre, auf diese Schule gehen würde. Die Bibliothek der Academy war moderner und besser beleuchtet, aber die Gemeindebibliothek von First Sister war meine erste Bibliothek, und die dortige Bibliothekarin meine erste Bibliothekarin. (Übrigens hatte ich mit der Aussprache von "Bibliothekarin" noch nie Mühe.)

Natürlich war Miss Frost ein unvergesslicheres Erlebnis als die Bibliothek. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich ihren Vornamen erst lange nach unserer ersten Begegnung erfuhr. Jeder nannte sie Miss Frost, und ich hatte den Eindruck, dass sie so alt wie meine Mutter oder etwas jünger war, als ich endlich meinen ersten Bibliotheksausweis aus ihren Händen empfing. Meine Tante, eine ausgesprochen herrische Person, hatte mir gesagt, Miss Frost habe " früher mal sehr gut ausgesehen", aber ich konnte mir

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