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Cover Der Konvoi

Der Konvoi

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
208 Seiten
ISBN 978-3-257-60224-1

Kurztext / Annotation

November 1918 - Europa befindet sich im Umbruch. Der Zufall führt einen jungen Schweizer Soldaten und eine Russin zusammen. Sie ist Gesandte der Sowjetunion in Bern, er im zivilen Leben Dorflehrer. Ihre politischen Überzeugungen könnten nicht weiter auseinanderliegen, und doch kommen sie einander sehr nahe. Ein packender Roman über das Aufflackern der Liebe, wankende Gewissheiten, zerstörte Ideale und über ein kaum bekanntes Kapitel der Zeitgeschichte.

Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen regelmäßig auf der Bestsellerliste.

Textauszug

[35] 12. November 1918, nach 15 Uhr

Sie haben die Stadt hinter sich gelassen; die Dragoner sind längst zurückgeblieben. An einem Wald entlang, der dort, wo das Licht ihn trifft, zu brennen scheint, senkt sich die Straße allmählich zur Brücke bei Worblaufen. Träge fließt die Aare dahin, nichts Heiteres und Eiliges hat sie an sich wie die junge Sense, die Samuel seit seiner Kindheit kennt, und doch ist in diesem steten Ziehen eine unwiderstehliche Kraft. Man musste sich auch vor der Sense fürchten, wenn sie Hochwasser führte. Einmal, nach einem Sommergewitter, als das Wasser plötzlich mannshoch heranschoss, hatte sich Samuel beim Forellenfischen auf einen Felsblock gerettet; dort saß er stundenlang, durchnässt vom Regen und von der Gischt. Die Sturmböen zerrten an ihm, die Senseschlucht füllte sich in ihrer ganzen Breite mit Wasser, darin trieben entwurzelte Bäume, verfingen sich im Ufergestrüpp, wurden wieder losgerissen. Gegen Abend beruhigte sich der Fluss, aber immer noch stieg das Wasser, es stieg, beinahe schwarz unter dem düsteren Himmel, bis zur halben Höhe des Felsblocks. Samuel fror, es wurde Nacht. Irgendwann zeigten sich Sterne am Himmel; das Gurgeln und Rauschen wurde leiser. Als das Wasser zu sinken begann, kletterte er vom Felsblock und ließ sich dort, wo das Ufer gewesen war, in den Fluss gleiten. Seine Zehen [36] ertasteten Grund, er stemmte sich gegen die Strömung und watete in der Dunkelheit zur Stelle, wo er den Pfad vermutete. Er fand im Schlamm den Aufstieg; erschöpft kam er oben an, blieb am Rand eines Roggenfelds liegen. Der Halbmond war inzwischen aufgegangen; obgleich Samuel alle Glieder schmerzten, ergriff ihn plötzlich eine ungestüme Lebenslust, eine Freude, wie er sie nie vorher und nie nachher gespürt hatte. Die ganze Nacht verging der Klang nicht, der in ihm war; er tat kein Auge zu, träumte nicht, vergaß Vergangenheit und Zukunft. Von diesem Tag an durfte er nicht mehr fischen gehen. Doch der Felsblock, auf dem er gewartet hatte, zog ihn magisch an. Schon nach kurzer Zeit übertrat er das Verbot. Niemand merkte es, wenn er sich vom Beerensammeln wegstahl; die Fische, die er fing, briet er allein.

Von alldem würde Samuel gern Helene erzählen. Würde er nicht mit den richtigen Wörtern ihren Spott besiegen? So vieles, was er für sich erdacht hat, vergräbt er in sich. Keiner seiner Schüler wird je wissen, was in ihm steckt, auch Martha wird es nie wissen.

Nach der Brücke steigt die Straße wieder an. Das Auto holpert stärker als vorher. Samuel packt mit beiden Händen sein Gewehr, damit es nicht gegen Maria fällt. Fuhrwerke kommen ihnen entgegen; sie weichen an den Straßenrand aus, halten an, um die Kolonne vorbeizulassen.

Zosso greift sich an die Stirn. Ruckartig steuert er das Auto, das beinahe nebenaus gerät, in die Straßenmitte zurück.

Dieser verflixte Föhn, sagt er.

Kopfweh?, fragt Samuel.

[37] Zosso nickt. Bei Föhn habe ich Kopfweh und Gliederschmerzen, abends trinke ich einen Grog, dann ist es weg.

In meinem Toilettenkoffer, sagt Helene, wäre ein Balsam, der würde Ihnen guttun. Aber man erlaubt mir ja nicht, mein Gepäck bei mir zu haben.

Es geht schon, murmelt Zosso und hält mit angespannten Muskeln das Steuerrad fest.

Eine Weile bleibt es still im Auto. Das Motorengeräusch und das Holpern wiegen Samuel in eine Schläfrigkeit, der er beinahe erliegt; sogar Maria lockert ihre Haltung und lehnt sich zurück.

Zollikofen, das langgezogene Dorf, das sie durchqueren, wirkt sonntäglich ausgestorben. Nur hier und dort haben sich ein paar Leute am Straßenrand versammelt und bestaunen den vorbeifahrenden Konvoi. Wenn sie wüssten, wer in den Autos sitzt, würden sie Steine werfen, denkt Samuel. Oder sind es streikende Sozis, die heute zu Hause bleiben? Man ist zu schnell vorbei, man sieht's ihnen nicht an, auf welcher Seite si

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