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Cover Das Meer der Wahrheit

Das Meer der Wahrheit

von Andrea De Carlo; Übersetzt von: Maja Pflug

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
352 Seiten
ISBN 978-3-257-60231-9

Kurztext / Annotation

An einem Tag im Spätherbst erhält Lorenzo einen Anruf von seinem Bruder Fabio: Ihr Vater, der international geschätzte Virologe Teo Telmari, ist gestorben. Lorenzo verlässt bestürzt sein Haus in der apenninischen Wildnis und reist nach Rom, wo er erfährt, dass sein Vater Hüter eines hochbrisanten Geheimnisses war. Während Fabio dadurch seine politische Laufbahn gefährdet sieht, möchte Lorenzo fortführen, was der Vater begonnen hat. Mit dem Auftauchen einer mysteriösen jungen Dänin eskaliert der Bruderzwist...

Andrea De Carlo, geboren 1952 in Mailand, lebte nach einem Literaturstudium längere Zeit in den USA und in Australien. Er war Fotograf, Maler und Rockmusiker, bevor ihm 1981 mit seinem ersten Roman, Creamtrain Zwei von zwei

Textauszug

[7] Am Morgen des 24. November

Am Morgen des 24. November lagen draußen mindestens vierzig Zentimeter Schnee, und mein Bruder rief an, um mir zu sagen, dass unser Vater gestorben war.

Nach dem Aufwachen hatte ich die Fensterblenden geöffnet und eine Weile das Weiß betrachtet, das Bäume und Felder und ferne Häuser einförmig zudeckte bis zum Horizont, wo die welligen Hügel mit dem sehr hellen Grau des Himmels verschwammen. Ich hatte der Stille gelauscht, tief die eisige Luft eingesogen, Atemwölkchen ausgestoßen. Einige Schneeflocken hatten sich mir auf Stirn, Brust und Hände gelegt, die Kälte war über meine nackte Haut gestrichen. Zwar schneit es hier in der Gegend zu häufig, als dass man das gleiche Gefühl von Verzauberung wie in der Kindheit empfinden könnte, dennoch fasziniert es mich jedes Mal, wie die Geräusche gedämpfter und die Entfernungen länger werden, wie dürres Holz, Dornengestrüpp, Steine, Löcher und Risse im Boden unter der weißen Oberfläche verschwinden und die Illusion einer einheitlichen Landschaft erwecken. Ich wusste, dass das Staunen über die Verwandlung nicht lange anhalten und schon bald etliche praktische Schwierigkeiten auftauchen würden, doch in den ersten Minuten ließ ich mich verzaubern, während ich mehrere Schichten Baumwolle und Wolle übereinander anzog.

[8] In der Küche hatte ich Tee aufgesetzt und Haferbrei zubereitet, hatte Knie- und Armbeugen gemacht, um mich aufzuwärmen. Beim Frühstück hatte ich in einem Aufsatz über Ozeanströmungen geblättert, den ich brauchte, weil ich an einem Buch über das Überleben auf offenem Meer nach einem Schiffbruch schrieb. Dann hatte ich prüfend das Telefon abgehoben, und es war absolut stumm. Ich hatte es nicht anders erwartet, denn die Leitungen laufen ein paar Kilometer lang durch einen Wald, ein Gewitter oder ein Windstoß oder eben Schnee genügt, damit die Verbindung ausfällt. Es dauert jedes Mal tagelang, bis jemand kommt und sie repariert, vorausgesetzt, man hat die Geduld, mehrmals täglich die Störungsstelle anzurufen und zu mahnen. Andererseits jedoch missfiel es mir nicht, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein: Ich fühlte mich vor den drohenden Anforderungen der Welt geschützt, sie rückten in so weite Ferne, dass sie beinahe unverständlich wurden.

Ich zog mein Handy aus der Tasche des Anoraks, in dem ich es aufbewahrte, neben der Eingangstür: Ich hatte vergessen, es aufzuladen, auf dem Minidisplay blinkte das Batteriesymbol. Auch das Symbol "verpasste Gespräche" leuchtete, aber noch bevor ich nachsehen konnte, wer denn angerufen hatte, erklang die pseudokaribische Melodie, die ich im Ausschlussverfahren unter den verfügbaren Klingeltönen ausgewählt hatte. Ich stieg in die hohen Gummistiefel und ging vors Haus in den Schnee hinaus, zu dem Baum, wo man einen besseren Empfang hat. Bei jedem Schritt sank ich ein, es war, als bewegte ich mich auf einem anderen Planeten.

Mein Bruder Fabio war aufgeregter als gewöhnlich: [9] "Lorenzo", sagte er, "seit gestern Abend versuche ich dich zu erreichen, auf dem Festnetz und auf dem Handy."

"Das Festnetztelefon funktioniert nicht bei Schnee, und das Handy hat im Haus keinen Empfang", erwiderte ich im leicht schleppenden Tonfall dessen, der schon weidlich verfügbare Informationen wiederholt.

"Papa ist tot", sagte mein Bruder.

"Was?", fragte ich, im Kopf ein Bild unseres Vaters bei sich zu Hause im Wohnzimmer, während er sich mir zuwendet, um etwas zu sagen. Der Schnee reichte mir bis zum Knie, die Lorbeersträucher bogen sich unter der weißen Last, die sie zu zerbrechen drohte.

"Ja", sagte mein Bruder.

"Wann?" Eine der vielen, halb formulierten Fragen, die mir durchs Hirn schossen.

"Gegen zehn." Fabio hatte es eilig, wie immer: Abgesehen von unserem Telefongespräch gab es andere, mindestens ebenso wichtige Fragen, die auf ihn warteten.

"Aber wie ist es pas

Langtext

An einem Tag im Spätherbst erhält Lorenzo einen Anruf von seinem Bruder Fabio: Ihr Vater, der international geschätzte Virologe Teo Telmari, ist gestorben. Lorenzo verlässt bestürzt sein Haus in der apenninischen Wildnis und reist nach Rom, wo er erfährt, dass sein Vater Hüter eines hochbrisanten Geheimnisses war. Während Fabio dadurch seine politische Laufbahn gefährdet sieht, möchte Lorenzo fortführen, was der Vater begonnen hat. Mit dem Auftauchen einer mysteriösen jungen Dänin eskaliert der Bruderzwist

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