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Cover Tarabas

Tarabas

Ein Gast auf dieser Erde

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
240 Seiten
ISBN 978-3-257-60284-5

Kurztext / Annotation

"Sie sind sehr unglücklich, Herr!", prophezeit eine Zigeunerin dem jungen russischen Revolutionär Tarabas. "Ich lese in Ihrer Hand, dass Sie ein Mörder sind und ein Heiliger. Ein unglücklicheres Schicksal gibt es nicht auf dieser Welt." Von Russland nach New York und wieder zurück in die Wirren des Ersten Weltkrieges und der Revolution führt der Weg des Sünders und Büßers Nikolaus Tarabas. Die bittere Legende eines in die Irre gehenden und wieder heimkehrenden Sohnes.

Joseph Roth, geboren 1894 als Sohn jüdischer Eltern in Galizien. Nach Studienjahren in Wien und Lemberg war er im Ersten Weltkrieg Soldat. Danach lebte er, zunächst als Journalist und später auch als Schriftsteller, in Wien und Berlin. 1933 emigrierte Joseph Roth nach Paris, wo er 1939, verarmt und alkoholkrank, starb.

Textauszug


[135] XVI

Nun war Tarabas allein mit dem toten Konzew. Man hatte das Angesicht des Feldwebels gewaschen, die Uniform von den Blut- und Kotspuren gereinigt, die hohen Stiefel gewichst, den mächtigen Schnurrbart gebürstet. Säbel und Pistole lagen neben ihm, zur Rechten und zur Linken, die kräftigen, behaarten Hände mit den großen, rissigen Nägeln waren über dem Bauch gefaltet. Der milde Schimmer des ewigen Friedens schwebte über dem scharfen, soldatischen Angesicht. Das Angesicht des Obersten Tarabas aber zeigte Zerfahrenheit, Unrast und Bitterkeit. Er wünschte sich, weinen zu können, toben zu dürfen. Er konnte nicht weinen, der Oberst Tarabas. Er sah graue Haare an den Schläfen des Feldwebels und fuhr mit der Hand über die Schläfen und zog sie sofort zurück, erschrocken über seine eigene Zärtlichkeit. Er dachte an die Weissagung der Zigeunerin. Noch kündigte nichts seine Heiligkeit an! Törichte Worte, längst begraben unter dem Gewicht der Schrecknisse, ertrunken im Blut, das man vergossen hatte, versunken wie die Jahre in New York, der Wirt, das Mädchen Katharina, die Cousine Maria, Vater, Mutter und Haus! Tarabas gab sich Mühe, die Bilder, die vor ihm auftauchten, Erinnerungen zu nennen und sie also ihrer Macht zu berauben. Er wollte den Gedanken, die ihn peinigten, jene [136] gewichtlosen Bezeichnungen geben, die sie zu unbedeutenden und ungefährlichen Schatten der Vergangenheit stempeln, die ebenso schnell verfliegen, wie sie auftauchen. Er versuchte, sich in die Verbitterung über den Tod Konzews, seines besten Mannes, zu retten und sein Gelüst nach Rache für diesen Toten noch zu steigern. Er hasste nun diese Juden, diese Bauern und dieses Koropta, dieses Regiment, dieses ganze neue Vaterland, diesen Frieden und diese Revolution, die es geboren und gebildet hatten. Ach, er wollte - wie rasch fasste Tarabas seine Entschlüsse! - Ordnung machen, dann sein Amt niederlegen, dem kleinen General Lakubeit ein paar grobe Wahrheiten sagen und auf und davon gehn! Auf und davon! Wohin aber, gewaltiger Tarabas?! Gab's noch Amerika? Gab es noch das väterliche Heim? Wo war man zu Hause? Gab es noch irgendwo Krieg in der Welt?!

Aus diesen Überlegungen - es waren, wie man sieht, verworrene Ketten von Einfällen - riss Tarabas die Stimme der Ordonnanz, die durch die geschlossene Tür meldete, der Anruf des Generals Lakubeit werde in zwanzig Minuten erfolgen, der Oberst möge zur Post gehen. Tarabas fluchte auf die primitiven und umständlichen postalischen Verhältnisse - auch eine der üblen Folgen neuer und überflüssig gegründeter Staaten.

Er befahl Kerzen, für den Toten eine Ehrenwache und den Priester und ging ins Postamt. Er befahl dem einzigen Beamten, der seinen Dienst verrichtete, das Amt zu verlassen, man habe "Staatsgeschäfte" zu führen. Der Beamte ging hinaus. Es klingelte, und der Oberst Tarabas nahm selbst den Hörer ab. "General Lakubeit!" Tarabas wollte einen kurzen Bericht erstatten. Aber die sanfte, klare Stimme des [137] kleinen Generals, die wie aus dem Jenseits herüberkam, sagte: "Nicht unterbrechen!" Hierauf gab sie in kurzen Sätzen Anweisungen: den Befehl, das Regiment in Bereitschaft zu halten; übermorgen erst könnten Teile des Regiments aus der entfernten Garnison Ladka nach Koropta beordert werden; man müsse mit neuen Unruhen rechnen; alle Bauern der Umgebung sammelten sich, das Wunder zu sehen; man müsse den Ortspfarrer bitten, die Leute zu beruhigen; alle Juden seien in den Häusern zurückzuhalten - "soweit solche noch vorhanden", sagte der General wörtlich, und der Oberst Tarabas hörte Hohn und Tadel in dieser Bemerkung. "Das ist alles!", schloss der General, und: "Warten Sie!", rief er noch. Tarabas wartete. "Wiederholen Sie kurz!", befahl Lakubeit. Tarabas erstarrte vor Schreck und Wut. Er wiederholte gehorsam. "Schluss!", sagte Lakubeit.

Geschlagen, ohnmächtig und voller Zorn,

Langtext

"Sie sind sehr unglücklich, Herr!", prophezeit eine Zigeunerin dem jungen russischen Revolutionär Tarabas. "Ich lese in Ihrer Hand, dass Sie ein Mörder sind und ein Heiliger. Ein unglücklicheres Schicksal gibt es nicht auf dieser Welt." Von Russland nach New York und wieder zurück in die Wirren des Ersten Weltkrieges und der Revolution führt der Weg des Sünders und Büßers Nikolaus Tarabas. Die bittere Legende eines in die Irre gehenden und wieder heimkehrenden Sohnes.

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