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Cover Der Spiegelkasten

Der Spiegelkasten

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
224 Seiten
ISBN 978-3-257-60313-2

Kurztext / Annotation

Wie erging es einem jüdischen Offizier, der für Deutschland an der Front stand? Ein junger Mann vertieft sich in die Kriegs-Fotoalben seines Großonkels aus dem Ersten Weltkrieg. Und je mehr er sich fragt, wie dieser der Hölle unversehrt entkommen konnte, umso tiefer gerät er selbst hinein. Ein bewegender Roman über die Macht der Erinnerung und die Kraft der Vorstellung.

Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, studierte an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München. Danach besuchte er die Journalistenschule an der Columbia University, New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben. Sein Debüt Die Welt ist im Kopf Das Sandkorn

Textauszug

[11] 2

Am achtzehnten August 1914 fühlte Ismar Manneberg, nachdem er das dunkle, haarige Ding in seiner Handfläche erkannt hatte, zum ersten Mal, wie sich die Tatze des schwarzen Panthers an seinen Hals legte. Vorsichtig und geradezu zärtlich schwebte sie warm und rauh über der Schlagader, aber sie holte nicht aus und hinterließ von den Krallen nur ein leises Kitzeln. Dabei war die Angst, die er spürte, im Vergleich zu allem, was folgen sollte, lächerlich und gering. Dennoch nahm er sich an diesem Nachmittag vor, eine Methode zu finden, um den schwarzen Panther entweder zu zähmen oder zu verjagen. Nur er konnte diesen Panther sehen; in den verlassenen Dörfern und waldigen Hügeln an der westlichen Landesgrenze, die das Regiment seit Tagen durchstreifte, streunten bestenfalls noch ein paar Hauskatzen herum und zurückgelassene Hunde.

Die Angeber und Draufgänger unter seinen Leuten, die sich seit dem Ausrücken auf einem lustigen Schulausflug glaubten, hatten die endlich erlaubten Ungezogenheiten eingefordert, hatten losstürmen wollen, seit Tagen schon, nur immer mit Schwung hinein in Wald und Buschwerk, den Feind wie die Maikäfer aus den Bäumen schütteln und unter schweren Stiefeln und Jubelgeschrei zertreten. Warum schickte sie ihr Leutnant Manneberg nicht auf [12] Streifpatrouillen, warum dieses ängstliche Herumtappen, warum kämpften alle anderen, nur sie nicht? Von Norden und von Süden hörte man doch ständig Gefechtslärm, dort war der Krieg, dort wollten sie hin. Sie flehten den ersten, ihnen bisher verweigerten Schuss geradezu herbei.

Aber Manneberg, bedacht auf Befehl und Gehorsam, hatte immer nur gesagt: "Der fällt früh genug."

Der erste Schuss: bloß ein Stückchen Metall, das durch die heiße Luft eines Augustnachmittages sirrte, um jemandem das Liebste zu nehmen, den Versorger, den Freund. Es war eine balle D, solides, stumpfrot glänzendes Messing, acht Millimeter im Durchmesser, ein elegantes Ding, das dem Rumpf einer flinken Segeljacht glich. Es kam als ein Hartes, das ein Weiches suchte, um es zu durchdringen, ein Sprödes, um es zu zerbrechen, ein Atmendes, um ihm die Luft zu nehmen.

Als der Schuss fiel, in Mittersheim im deutsch-lothringischen Grenzgebiet, traf er den Infanteristen Kinateder; dort, wo Manneberg ihn hinbefohlen hatte, unter einen Torbogen, um den tastenden Vormarsch durch das menschenleere Städtchen zu sichern. Der Helm des Infanteristen fiel geräuschlos aufs Pflaster. Sekunden später glaubte einer das Aufblitzen eines Zielfernrohres gesehen zu haben, schrie Franktireur! Dann schoss die ganze Mannschaft, in Fenster, durch Türen, über den Kanal, in den Wald, in blinde Gassen, bis sie nichts mehr hatten und bis Mannebergs Befehle, das Feuer verdammt noch mal einzustellen, endlich durchdrangen.

Die Stille kam zurück, die Schatten wurden blau und lang. Die Pflastersteine strahlten die Wärme ab, die sie den [13] Tag über aufgesogen hatten. Jetzt schwiegen die Angeber zwar, aber sie reinigten ihre Waffen und füllten die Munitionstaschen auf, für das nächste Abenteuer. Andere umklammerten noch immer mit kalten Händen die Gewehre. Manneberg ging herum, klopfte auf Schultern, teilte Zigaretten aus, zeigte beste Laune, sprach Mut denen zu, die es nötig zu haben schienen; verwarnte den, der zuerst gefeuert hatte. Manneberg trug Verantwortung für seine paar Leute: nur ein Zug, und nur als Leutnant der Reserve. Doch was hieß schon "nur" - für einen wie ihn war schon dieser niedrigste Offiziersrang Grund zum Stolz gewesen. Und er war in den Übungen ein guter Reserveoffizier gewesen. Da war wohl anzunehmen, dass er ein guter Soldat im Krieg sein würde.

Ein Photograph in Zivil kam atemlos herangelaufen. "Die Division schickt mich die ersten Gefechte zu dokumentieren", sagte er.

"Das war kein Gefecht", sagte Manneberg, "nur ein Heckenschütze."

Der Infanterist

Beschreibung für Leser

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Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Christoph Poschenrieder, 1964 bei Boston geboren, wohnt in München. Er studierte an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München und setzte sich schon mit Schopenhauer auseinander, lange bevor er seinen ersten Roman schrieb. Außerdem besuchte er die Journalistenschule an der Columbia University, New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben.

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