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Cover Schwarze Hunde

Schwarze Hunde

von Ian McEwan; Übersetzt von: Hans-Christian Oeser

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
240 Seiten
ISBN 978-3-257-60327-9

Kurztext / Annotation

Ein englisches Paar auf der Hochzeitsreise: Inmitten der Naturschönheiten Südfrankreichs begegnen June zwei gräßliche Hunde, die sie nie mehr vergessen wird. Bernard kann ihre aufgewühlten Gefühle nicht verstehen. Die Wege der Jungvermählten beginnen sich zu trennen ... McEwan, der Erkunder der dunklen Seite des Menschen, umkreist in Schwarze Hunde Amsterdam Abbitte

Textauszug

[29] Das gerahmte Bild, das June Tremaine auf dem Schränkchen neben ihrem Bett stehen hatte, sollte sie, ebenso wie ihre Besucher, an das hübsche Mädchen erinnern, dessen Gesicht, anders als das ihres Mannes, nichts davon verriet, in welche Richtung es sich einmal entwickeln würde. Der Schnappschuß wurde im Jahr 1946, ein oder zwei Tage nach der Trauung, aufgenommen, eine Woche bevor die beiden auf Hochzeitsreise nach Italien und Frankreich fuhren. Das Paar steht Arm in Arm am Geländer vor dem Eingang zum Britischen Museum. Vielleicht hatten sie gerade Mittagspause, denn beide arbeiteten sie in der Nähe und erhielten erst wenige Tage vor ihrer Abreise die Genehmigung, ihre Stellen zu kündigen. Aus rührender Sorge, an den Bildrändern abgeschnitten zu werden, neigen sie sich einander zu. Das Lächeln, das sie der Kamera schenken, entspringt ungekünstelter Freude. Bernard ist nicht zu verwechseln. 1,90 groß, mit übergroßen Händen und Füßen, einer überdimensionalen, gutmütigen Kinnpartie und Segelfliegerohren, die durch den pseudomilitärischen Haarschnitt noch komischer wirken. Dreiundvierzig Jahre haben bei ihm lediglich vorhersehbaren Schaden angerichtet, und auch der war nur geringfügig - lichteres Haar, dichtere Augenbrauen, gröbere Haut -, während der eigentliche Mann, diese erstaunliche Erscheinung, 1946 derselbe unbeholfene, [30] strahlende Riese war wie 1989, als er mich bat, ihn nach Berlin zu begleiten.

Junes Gesicht hingegen kam ebenso von seinem vorherbestimmten Kurs ab wie ihr Leben, und es ist kaum möglich, in dieser Aufnahme das alte Gesicht zu erahnen, das sich in wohlwollende Willkommensfalten legte, wenn man ihr Privatzimmer betrat. Die Fünfundzwanzigjährige hat ein reizendes rundes Gesicht und ein fröhliches Lächeln. Ihre Dauerwelle für die Reise ist zu straff, zu streng und steht ihr nicht im geringsten. Im Glanz der Frühlingssonne leuchten die Locken, von denen sich erste Strähnen lösen. Sie trägt ein kurzes Jackett mit hohen, gepolsterten Schultern und einen passenden Faltenrock - die verhaltene Extravaganz jenes Stoffes, den man mit dem New Look der Nachkriegszeit verbindet. Ihre weiße Bluse hat einen gewagten V-Ausschnitt, der ihren Brustansatz freigibt. Der Kragen ist über das Jackett geschlagen und verleiht ihr das frische, rosige Aussehen der Landarbeiterinnenplakate. (Seit 1939 war sie Mitglied des Sozialistischen Radsportvereins Amersham.) Mit einem Arm preßt sie ihre Handtasche an sich, mit dem anderen hat sie sich bei ihrem Mann untergehakt. Sie lehnt sich an ihn an, ihr Kopf reicht ihm nicht einmal bis zur Schulter.

Heute hängt die Photographie in der Küche unseres Hauses im Languedoc. Ich habe sie oft eingehend betrachtet, meist wenn ich allein war. Jenny, meine Frau, Junes Tochter, mißtraut meiner Raubtiernatur und ärgert sich über die Faszination, die ihre Eltern auf mich ausüben. Sie hat lange genug gebraucht, um von ihnen loszukommen, und [31] zu Recht befürchtet sie, mein Interesse könnte sie zurückwerfen. Ich gehe nah an das Photo heran und versuche das künftige Leben, das künftige Gesicht vorwegzunehmen, die Unbeirrbarkeit, die auf eine einzigartige Mutprobe folgte. Auf der glatten Stirn direkt über dem Zwischenraum zwischen den Augenbrauen hat ihr vergnügtes Lächeln eine winzige Hautfalte geschlagen. In dem runzligen Gesicht ihres späteren Lebens sollte sie das beherrschende Merkmal werden, eine tiefe senkrechte Furche, die von ihrem Nasensattel aufstieg und ihre Stirn zerteilte. Vielleicht bilde ich mir die in der Kontur des Kinns verborgene Härte hinter ihrem Lächeln nur ein - die Entschlossenheit, Standfestigkeit, ihren wissenschaftlichen Zukunftsoptimismus? Das Photo wurde an demselben Vormittag aufgenommen, als June und Bernard in der Parteizentrale in Gratton Street in die Kommunistische Partei Großbritanniens eintraten. Sie haben ihre Stellen gekündigt, und es steht ihnen frei, sich zu ihren politischen

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