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Cover Letzter Sommertag

Letzter Sommertag

von Ian McEwan; Übersetzt von: Bernhard Robben; Harry Rowohlt; Michael Walter

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
320 Seiten
ISBN 978-3-257-60328-6

Kurztext / Annotation

Letzter Sommertag Erste Liebe, letzte Riten Zwischen den Laken Amsterdam Abbitte

Textauszug

[7] Letzter Sommertag

Ich bin zwölf und liege fast nackt auf dem Bauch in der Sonne auf dem Hintergartenrasen, als ich zum ersten Mal höre, wie sie lacht. Ich weiß nicht, ich rühr mich nicht, ich mache einfach die Augen zu. Es ist ein Mädchenlachen, das Lachen einer jungen Frau, kurz und nervös, als würde über etwas gelacht, das gar nicht komisch ist. Ich habe das halbe Gesicht im Gras, ich habe das Gras vor einer Stunde gemäht, und ich kann die kalte Erde unter dem Gras riechen. Vom Fluß kommt eine schwache Brise, späte Nachmittagssonne brennt mir auf den Rücken, und dieses Lachen sticht so auf mich ein, und es ist, als wäre alles ein und dasselbe, ein einziger Geschmack in meinem Kopf. Das Lachen hört auf, und nun höre ich nur noch, wie die Brise in meinem Comic blättert, irgendwo oben im Haus weint Alice, und überall auf dem Garten liegt so etwas Schweres, Sommerliches. Dann höre ich, wie sie über [8] den Rasen zu mir herüberkommen, und ich richte mich so schnell auf, daß mir schwindlig wird und alles seine Farben verliert. Und da ist diese dicke Frau, oder dieses dicke Mädchen, zusammen mit meinem Bruder kommt sie näher. Sie ist so dick, daß ihre Arme nicht gerade von den Schultern herabhängen können. Sie hat Autoreifen um den Hals. Sie sehen mich an und sprechen über mich, und als sie ganz nah sind, stehe ich auf, und sie gibt mir die Hand, und während sie mich immer noch direkt betrachtet, macht sie so ein japsendes Geräusch wie ein höfliches Pferd. Das ist das Geräusch, das ich gerade gehört hatte, das Lachen. Ihre Hand ist heiß und naß und rosa, wie ein Schwamm, mit Grübchen an jedem Knöchel der Hand, dort, wo die Finger beginnen. Mein Bruder stellt sie als Jenny vor. Sie wird im Schlafzimmer auf dem Dachboden wohnen. Sie hat ein sehr großes Gesicht, rund wie ein roter Mond, und dicke Brillengläser machen ihre Augen so groß wie Golfbälle. Als sie meine Hand losläßt, fällt mir nichts ein, was ich sagen könnte. Aber Peter, mein Bruder, redet in einem fort, er erzählt ihr, welches Gemüse wir anbauen, welche Blumen, er sagt ihr, [9] daß sie sich dahin stellen soll, wo sie den Fluß durch die Bäume sehen kann, und dann führt er sie zum Haus zurück. Mein Bruder ist genau zweimal so alt wie ich, und er kann das sehr gut: in einem fort reden.

Jenny nimmt das Zimmer auf dem Dachboden. Ich war ein paarmal dort und habe in den alten Kisten und Kästen Sachen gesucht oder durch das kleine Fenster den Fluß angeschaut. In den Kisten ist nichts Nennenswertes, nur Stoffetzen und Schnittmuster. Vielleicht haben ein paar sogar meiner Mutter gehört. In einer Ecke liegt ein Stapel Bilderrahmen ohne Bilder. Einmal war ich dort, weil es draußen regnete und weil Peter mit ein paar von den anderen Typen Krach hatte. Ich half José beim Aufräumen, damit man da oben ein Schlafzimmer einrichten konnte. José war Kates Freund gewesen, und dann schaffte er letzten Frühling seine Sachen aus Kates Schlafzimmer und zog in das leere Zimmer neben meinem Zimmer. Wir trugen die Kisten und Rahmen in die Garage, wir malten den Holzfußboden schwarz an und legten Teppiche aus. Wir nahmen das zweite Bett in meinem Zimmer auseinander und trugen es nach oben. Mit dem Bett, einem [10] Tisch und einem Stuhl, einem kleinen Schrank und der schrägen Zimmerdecke blieb noch Platz genug für zwei Personen (stehend). Jennys gesamtes Gepäck besteht aus einem kleinen Koffer und einer Tragetasche aus Papier. Ich trage das für sie nach oben, und sie folgt mir, atmet dabei immer schwerer, und bevor wir den dritten Treppenabsatz erreichen, muß sie Pause machen, um sich auszuruhen. Hinter uns kommt mein Bruder Peter herauf, und wir zwängen uns ins Zimmer, als wollten wir alle hier wohnen und sähen es zum ersten Mal. Ich zeige ihr das Fenster, damit sie den Fluß sehen kann. Jenny setzt sich an den Tisch und stützt ihre mächtigen Ellbogen auf. Manchmal betupft sie ihr feuchtes,

Beschreibung für Leser

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