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Cover Kalt ist der Abendhauch

Kalt ist der Abendhauch

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
256 Seiten
ISBN 978-3-257-60330-9

Kurztext / Annotation

Die dreiundachtzigjährige Charlotte erwartet Besuch: Hugo, ihren Schwager, für den sie zeit ihres Lebens eine Schwäche hatte. Sollten sie doch noch einen romantischen Lebensabend miteinander verbringen können? Wird, was lange währt, endlich gut? Ingrid Nolls Heldin erzählt anrührend und tragikomisch zugleich von einer weitverzweigten Familie, die es in sich hat.

Ingrid Noll, geboren 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt sofort zu Bestsellern wurden. Die Häupter meiner Lieben Friedrich-Glauser-Ehrenpreis der Autoren

Textauszug

[5] 1

Mein Enkel Felix wohnt in einem ehemaligen Friseurladen; das Schaufenster dekoriert er stets ein wenig, obschon es natürlich nichts mehr zu verkaufen gibt. Meine uralten schwarzen Schnürstiefel setzte er zum Beispiel in einen Vogelkäfig, ein rosa Korsett stopfte er mit Watte aus und legte es in einen Puppenwagen, einen mit Nägeln gespickten Stuhl beschmierte er mit Margarine, womit er angeblich gleich zwei berühmte Künstler ehren wollte.

Lange Zeit vegetierte eine heruntergekommene Schaufensterpuppe in dieser Idylle, bis er sie leid wurde und alles neu gestaltete. Ich war versessen auf die Puppe.

Seitdem lebe ich nicht mehr allein. Die Puppe sitzt in meinem Schaukelstuhl, trägt Kleider aus meiner Jugendzeit, eine Perücke aus den sechziger Jahren und streckt ihre dünnen Beine von sich wie ein Kind. Sie heißt Hulda; wenn ich den Stuhl ein wenig antippe, wiegt sie sich fast fünf Minuten lang und scheint Freude an diesem Rhythmus zu haben. Einsame alte Leute pflegen gern Selbstgespräche zu halten, mir ist ein Gegenüber lieber. Hulda ist eine aufmerksame Zuhörerin, eine gut erzogene Tochter, eine Freundin der feinen Art, die nicht klatscht und hetzt und sich an fremde Ehemänner heranmacht.

Manchmal frage ich Hulda um Rat. Was sollen wir zum Beispiel heute essen? Hering in Tomatensoße, sagt Hulda, vielleicht ein Kartöffelchen dazu und fertig. Wir beide [6] brauchen nicht mehr viel. Alte Leute sollen aber viel trinken, sagt der Arzt; totaler Quatsch, meint Hulda, hör nicht auf ihn! Dieser Mann weiß doch gar nicht, wie schwer es fällt, nachts noch einmal ins Bad zu tappen. Selbstverständlich ist mir Huldas Rat wichtiger als der anderer Leute, denn sie spricht mir stets aus dem Herzen. Ja, ja, ich weiß schon, was man von derlei Zwiegesprächen zu halten hat. Aber wem schade ich denn damit? Wer hört es schon, und wen interessiert's?

Warum sagst du ausgerechnet Hulda zu ihr? will mein Enkel Felix wissen.

Mein Bruder Albert hatte eine Puppe, die so hieß. Sie stammte von mir, und er liebte diese Puppe. Das war eine gefährliche Sache, denn er bekam zu Weihnachten stets Zinnsoldaten geschenkt. Albert haßte Soldaten. Ich hatte ihm Hulda abgetreten, damit wir heimlich Vater, Mutter, Kind spielen konnten.

Albert war von uns sieben Geschwistern das sechste und ein Jahr jünger als ich. Zum Glück waren wir so viele, daß keiner Zeit fand, uns allzusehr mit Pädagogik zu belästigen. Erst als ich längst erwachsen war, verriet mir unser ältester Bruder Ernst Ludwig, daß man Alberts Puppenspiele gelegentlich beobachtet hatte und sich Sorgen machte, er könnte einem gewissen Onkel nachschlagen.

Wäre Albert noch am Leben, er würde mich verstehen. Hulda ist unser gemeinsames Kind, zwar auch schon in die Jahre gekommen, aber noch schlank und rank, ohne geschwollene Gelenke und krummen Rücken, ohne tränende Nase, rote Augen und ohne orthopädische Schuhe. Einzig [7] die Farbe blättert von ihrem blassen Gesicht. Übrigens ist Hulda keine richtige Frau, was man auf den ersten Blick jedoch nicht erkennen kann. Zieht man sie aber aus, dann zeigt sich ein schneeweißer Leib bar aller weiblichen oder männlichen Merkmale; und nimmt man die Perücke ab, dann glänzt ein spiegelglatter Glatzkopf, der erst durch falsche Haare ein hübsches Gesicht bekommt. Hulda ist ein zwittriger Engel, ein Wesen, das durch Verkleidung in jede beliebige Rolle schlüpfen kann.

Eine Zeitlang bekam ich "Essen auf Rädern", aber ich habe es wieder abbestellt. Es war allzu reichlich und schmeckte mir nicht. Nur um den jungen Mann, der es brachte, tut es mir leid. Er plauderte immer ein wenig mit mir. Ich weiß nicht mehr genau, ob er Philosophie oder Soziologie studierte. Jedenfalls hielt er mich nicht für verkalkt, denn zuweilen äußerte er sich zu Gedanken und Theorien, die mir ganz neu waren.

"Adorno fordert das Recht des Individuums, ohne Angst an

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Ingrid Noll, geb. 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt sofort zu Bestsellern wurden. 'Die Häupter meiner Lieben' wurde, wie andere ihrer Romane, erfolgreich verfilmt. Im September 2000 kam 'Kalt ist der Abendhauch' in die Kinos. 2005 erhielt Ingrid Noll den Friedrich-Glauser-Preis.

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