Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Wie die wilden Tiere

Wie die wilden Tiere

von Philippe Djian; Übersetzt von: Oliver I. Schulz

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
240 Seiten
ISBN 978-3-257-60339-2

Kurztext / Annotation

Marc ist ein angesagter Künstler, als Vater und Ehemann hat er jedoch versagt. Eines Morgens liest er in der Metro eine junge Frau mit einer Alkoholvergiftung auf und bringt sie zu sich nach Hause. Kurz darauf ist Gloria schon wieder weg, die schicke Einrichtung zertrümmert, der Kühlschrank leer und die Drogen sind geklaut. Dennoch kümmert sich Marc um sie, als sie wiederauftaucht. Denn an ihr hofft er wiedergutzumachen, was er bei seinem Sohn versäumt hat.

Philippe Djian, geboren 1949 in Paris, wechselte oft den Wohnsitz. Bisherige Stationen: New York, Florenz, Bordeaux, Biarritz, Lausanne und Paris. Auf einer Autobahnmautstelle, bei einem seiner Gelegenheitsjobs, tippte Philippe Djian seinen ersten Roman. Sein dritter Roman, Betty Blue Oh ...

Textauszug

[7] Am schlimmsten erwischte es die ganz Jungen, da gab es gar keinen Zweifel, mit ungefähr zwanzig. So um den Dreh. Man brauchte sie sich nur anzuschauen.

Richtig klar geworden war mir das während einer kleinen Feier bei unseren Nachbarn, ein paar Tage vor Weihnachten. Mein achtzehnjähriger Sohn Alexandre hatte die Anwesenden zunächst in Schockstarre und dann in Panik versetzt, als er sich eiskalt eine Kugel in den Kopf jagte. Und auf das Buffet krachte.

Ich war nach Hause gegangen und hatte Elisabeth geweckt - sie wachgerüttelt, ihrem Tablettenschlaf entrissen. "Schau, Elisabeth! Schau!", hatte ich mit leiser, noch zitternder Stimme gemurmelt. "Schau, was passiert ist. Schau dir das Blut an meinen Händen an!" Angeblich hatte ich danach Rotz und Wasser geheult. Konnte tagelang nicht trocken bleiben.

[8] Elisabeth hatte alles getan, um ihm darüber hinwegzuhelfen, ihn zu trösten, aufzumuntern, aber er wollte nichts hören. Sein Sohn war tot, und er wollte sich einfach nur betrinken - sich so schnell wie möglich volllaufen lassen, auf der Stelle, bevor der Schmerz erwachte. Das hielt er für eine ziemlich gute Lösung, einen akzeptablen Kompromiss. Er hatte sehnlichst darauf gehofft, dass Elisabeth ein paar Wochen oder Monate verreiste. Noch nie hatte er sich etwas so sehr gewünscht, noch nie hatte er sich so danach verzehrt, dass ihre Firma sie ans andere Ende der Welt schickte und er allein sein konnte. Aber sie hatte durchgehalten, das musste er zugeben. Sie hatte ihn nicht fallenlassen.

Am schlimmsten erwischte es die, damit musste man sich abfinden, die noch nicht einmal zwanzig waren. Als die Bahn wieder anfuhr, traf es ein Mädchen zwei Sitzreihen vor ihm - eine Blonde, die seit der letzten Station laute Rülpser von sich gab -, nun also trat sie den Beweis an, dass sie tatsächlich die kaputtesten und armseligsten von allen waren. Kotzte sich in die Schuhe, und das am frühen Morgen. Starrte verstört auf die Bescherung. Verpestete den ganzen Wagen mit säuerlichen Weindünsten. Wie reizend. Mehr kann man nicht tun, um seinen Teamgeist zu demonstrieren.

[9] Ihm fehlten die Worte, so schrecklich entwürdigend fand er das für ein Mädchen - noch dazu machte sie keine halben Sachen und hatte das Vorderteil ihres Rocks und einen ganzen Jackenärmel besudelt. Als er sah, wie sie ihren Mund verzog, glaubte er, sie würde einen wütenden Schrei ausstoßen, stattdessen kippte sie auf die Seite und glitt geräuschlos zu Boden.

Es war noch sehr früh am Morgen. Bis auf einige schlaftrunkene und schweigsame Schichtarbeiter, die weiter hinten saßen, war das Abteil leer. Die Hochbahn überquerte den Fluss, und das Mädchen rutschte durch ihr feuchtes Erbrochenes, als der Zug eine ausgedehnte Kurve Richtung Westen beschrieb, wo die oberen Stockwerke der Hochhäuser in der Sonne leuchteten wie glühende Kohlen.

Ich hatte keine große Lust, ihr zu helfen. Eine Zeit lang achtete ich nicht auf sie. Bis zu meiner Haltestelle dauerte es nur noch ein paar Minuten, und um mich rauszuhalten, genügte es, so lange wegzuschauen, die Graffitis an der Decke zu studieren oder - warum nicht? - die Verhaltensregeln für Notfälle zu lesen. Irgendjemand würde sich schon um sie kümmern. Ich war sauer auf das [10] Mädchen, weil ich wegen ihr wieder an Alexandre denken musste - er hatte zwei Alkoholvergiftungen gehabt, bevor er seiner kurzen Existenz ein Ende setzte, und dieses Mädchen erinnerte mich wieder daran, wie abgefuckt sie waren, wie tief die Wurzeln des Bösen reichten. Dieser Racker hatte mich völlig fertiggemacht.

"Das hätte uns auch fertig gemacht", meinte Michel etwa sechs Monate nach dem Tod von Alexandre, dabei sah er ihm tief in die Augen und legte die Hand auf seine Schulter. "Du hast eine miese Zeit hinter dir, Alter, das wissen alle hier. Es wäre uns nicht anders ergangen, Marc, Alter, kein bisschen anders.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Philippe Djian, geboren 1949 in Paris, wechselte oft den Wohnsitz. Bisherige Stationen: New York, Florenz, Bordeaux, Biarritz, Lausanne und Paris. Auf einer Autobahnmautstelle, bei einem seiner Gelegenheitsjobs, tippte Djian seinen ersten Roman. Damals, in den achtziger Jahren, waren seine jugendlichen Protagonisten noch on the road, sein dritter Roman, Betty Blue, wurde zum Kultbuch. Heute sind seine Helden seßhaft geworden, aber noch immer sind sie auf der Suche nach Intensität und Leidenschaft.

Drucken

Kundenbewertungen

7,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!
Maximaler Downloadzeitraum: 24 Monate