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Cover Techniken der Verführung

Techniken der Verführung

von Andrea De Carlo; Übersetzt von: Renate Heimbucher

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
432 Seiten
ISBN 978-3-257-60363-7

Kurztext / Annotation

Ein junger Autor zwischen der Frau, die er liebt, und dem Literaten, den er bewundert und der ihn fördert: In diesem modernen Künstlerroman wird das Schriftstellerdasein zum Abenteuer. Unter De Carlos Feder entsteht ein spannendes und scharfes Bild des heutigen - korrupten - Italien: Der Leser blickt hinter die Kulissen und erfährt Aufschlussreiches über das Innenleben von Redaktionsstuben und Literaturbetrieb.

Andrea De Carlo, geboren 1952 in Mailand, lebte nach einem Literaturstudium längere Zeit in den USA und in Australien. Er war Fotograf, Maler und Rockmusiker, bevor ihm 1981 mit seinem ersten Roman, Creamtrain Zwei von zwei

Textauszug

[9] Eins

Im November 90 arbeitete ich in der Redaktion von Prospettiva, mit einem Praktikantenvertrag, weil ich noch nicht die Journalistenprüfung gemacht hatte. Die Büros waren im zweiten Stock eines riesigen Gebäudes aus Glas und Beton, das auf einer öden Grasfläche an der östlichen Peripherie Mailands lag, umgeben von Trabantensiedlungen und Industriehallen und LKW -Depots und Autobahnauffahrten und Schnellstraßen voll dichtem Verkehr aus der Stadt und in die Stadt. Die Etage war als Großraumbüro konzipiert, so daß zu jeder Minute des Tages jeder jeden im Blick hatte: Köpfe und Oberkörper und Arme in ständiger Bewegung zwischen Barrikaden aus Metallschränken und Preßspan-Raumteilern. Die Luft wurde in einem geschlossenen Kreislauf klimatisiert, gefiltert und recycelt, die Fenster waren versiegelt. Der Fußboden war mit einem Synthetikspannteppich ausgelegt, der sich bei jedem Schritt elektrisch auflud, so daß man einen kleinen Schlag bekam, sobald man mit der Hand irgend etwas berührte. Das Neonlicht war gnadenlos weiß, und in den seltenen Augenblicken der Stille, in der Mittagspause oder abends, wenn fast alle gegangen waren, hörte man an der niedrigen Decke Tausende von Leuchtstoffröhren knistern, die unter Metallgittern notdürftig verborgen waren. In der übrigen Zeit herrschte eine Geräuschkulisse wie in einem elektronischen Bienenstock, Keybordgeklapper und Computersummen und gedämpfte Telefontriller und sich kreuzende und überlagernde Stimmen, die halblaut persönliche [10] Bemerkungen murmelten, flüsternd Informationen austauschten und herrische Anordnungen skandierten.

Am späteren Vormittag kam Tevigati, der Chefredakteur, an meinem Schreibtisch vorbei und sagte in seiner gewohnten beiläufigen Art: "Roberto Bata, kannst du mal einen Augenblick zu mir kommen?"

Ich arbeitete gerade an einer Textcollage aus Telefoninterviews zu der These, daß große Busen out sind; ich antwortete ihm: "In fünf Minuten." Erst vor wenigen Monaten hatte er mich einen ganz ähnlichen Bericht zusammenstellen lassen, in dem es hieß, daß üppige Formen allenthalben das Bild beherrschten, ebenfalls belegt mit Meinungsäußerungen von "Persönlichkeiten der Kulturszene" und einer ganz ähnlichen Auswahl berühmter Italienerinnen und Amerikanerinnen, die als Beispiele angeführt wurden. Wenn man hier drinnen saß, mußte man den Eindruck bekommen, daß die ganze Welt aus unglaublich rasch aufeinanderfolgenden Zyklen bestand, in denen Verhaltensweisen und Vorstellungen und Motivationen und Triebe und Werte und Werke untergingen und wiederkehrten, um ohne ersichtlichen Grund erneut unterzugehen. Nahezu jede Woche glaubte man irgendein neues schwaches Anzeichen zu erspähen, das groß herausgestrichen und verallgemeinert werden mußte, bis es wie ein alles mitreißender Trend erschien; unsere Archive waren voll mit Fotos und Namen und Telefonnummern, die sich zur Bestätigung auch der unhaltbarsten Folgerungen heranziehen ließen. Drei Viertel meiner Zeit verbrachte ich damit, Kontakte zu Soziologen und Schauspielern und mehr oder weniger bedeutenden Politikern zu knüpfen, um ihnen ein Statement über Aids oder Jungmanager oder den Minirock oder über Sex im Auto oder den Hunger in der Dritten Welt zu entlocken. Eine Tätigkeit, die so stereotyp und [11] standardisiert und automatisch war, daß ein Computer sie genauso gut gemacht hätte, ohne daß ein kompliziertes Programm erforderlich gewesen wäre.

Es waren noch keine drei Minuten vergangen, da klopfte eine Redakteurin namens Germietti mit den Fingerknöcheln auf meinen Schreibtisch, deutete zu Tevigatis Platz hinüber und sagte: "Du, der will dich jetzt gleich."

Also ließ ich meinen Monitor und ging im Zickzack zwischen Schränkchen und Raumteilern und Schreibtischen durch zu ihm. Einem außenstehenden Beobachter kam die Redaktion vielleicht wie eine emsig werkelnde Gruppe von Freunden vor,

Beschreibung für Leser

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