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Cover Aller Anfang

Aller Anfang

von Meir Shalev; Übersetzt von: Ruth Achlama

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
496 Seiten
ISBN 978-3-257-60380-4

Kurztext / Annotation

Im Anfang war das Wort. Aber wer gab wem den ersten Kuss? Worüber wurde zum ersten Mal gelacht, zum ersten Mal geweint? Wer empfand den ersten Hass? Wovon handelte der erste Traum? Meir Shalev spürt in der Bibel den ersten Malen Yedioth Ahronoth

Textauszug

[9] Die erste Liebe

Einmal kam ich in ein Fischerdorf an der Andamanensee in Südostasien. Anders als gewöhnliche Fischerdörfer lag dieses Dorf nicht an der Küste, sondern schwamm im Meer. Seine Häuser standen auf Flößen, die nebeneinander ankerten und durch Stricke und Holzplanken verbunden waren.

Das Dorf dümpelte sanft auf den Wellen, auf und ab. Es war ein komisches Gefühl. Wenn man von einem Boot auf den Kai tritt, hat man sonst sofort die angenehme Empfindung, festen Boden unter den Füßen zu haben, doch hier wechselte man von einem Schwanken zum andern.

Die Dorfbewohner waren Muslime, Fischer aus Malaysia. Ich streifte zwischen den schwimmenden Häusern umher, bis ich hinter einer halboffenen Tür einen hageren Mann sitzen sah. Wir tauschten Blicke, der Mann lächelte und bat mich mit einer Geste herein. Wir tranken Tee. An der Wand hingen ein Foto und ein Gemälde. Das Foto zeigte irgendeine europäische Landschaft - grüne Täler, rotbraune Kühe, Wasserfälle und verschneite Gipfel. Das Gemälde kam mir vertrauter vor: Ein Knabe liegt auf einem Altar, ein alter Mann schwingt ein Messer über ihm, ein Engel schwebt darüber, und im Hintergrund ist auch der Widder, die Hörner im Gestrüpp verfangen.

Im ersten Moment meinte ich, bei einem der verlorenen zehn Stämme gelandet zu sein, und setzte im Stillen schon Briefe an das israelische Oberrabbinat und an die Jewish [10] Agency auf, damit sie auch diesen Mann hier schnellstens nach Israel holten. 1 Aber ehe ich meinem verlorenen Bruder um den Hals fiel, fragte ich ihn, was das Bild darstelle. Mein Gastgeber deutete mit dem Finger auf den Alten mit dem Schlachtmesser und sagte in merkwürdigem Tonfall: "Ibrahim." Dann zeigte er auf den Jungen und sagte: "Ismail." Ich widersprach nicht, aber als ich zurück in Jerusalem war, schlug ich nach und fand, dass es tatsächlich so im Koran steht. Ismael, nicht Isaak, ist der Sohn, den Abraham auf Gottes Befehl opfern sollte. Ich erzähle das etwas beschämt. Ich hätte es wissen müssen.

Statt des zu erwartenden Staunens empfand ich Trauer. Der Konflikt dreht sich also, wie ich jetzt erkannte, nicht nur um das Land und auch nicht um die heiligen Stätten darin. Es ist ein Streit um ein viel schwierigeres Thema: um Liebe. Genauer gesagt - um Vaterliebe. Und um die Dinge noch komplizierter zu machen, geht es nicht um die Liebe, die sich im Schenken eines bunten Rocks oder in der Erteilung eines vorteilhafteren Segens äußert, sondern um die schlimmste aller Taten im Buch Genesis - um Abrahams Opfer. In der Bibel steht: "Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, [...] und bring ihn [...] als Brandopfer dar." Ismaels Nachkommen finden es etwas schwierig, nach "deinen einzigen" und "den du liebst" Isaaks Namen zu lesen.

Ismael und Isaak selbst waren übrigens keine Rivalen. Gewiss nicht so wie Kain und Abel, Jakob und Esau, Josef und seine Brüder. Die eigentliche Rivalität in der Familie bestand zwischen den beiden Müttern, Sara und ihrer Magd Hagar. Auch dass aus beiden Söhnen, Ismael und Isaak, [11] später Religionen erwachsen würden, wusste man damals noch nicht. Aber als Gott "deinen einzigen" und "den du liebst" über Isaak sagte, nachdem Ismael und seine Mutter schon aus Abrahams Haus vertrieben waren - da wurde die emotionale Grundlage für das Problem gelegt, unter dem wir bis heute leiden.

Hier spielt noch etwas mit: Dieses "den du liebst" ist die erste Nennung der Liebe in der Bibel. Das ist in zweierlei Hinsicht interessant. Zum einen handelt es sich um die Liebe eines Mannes zu seinem Sohn und nicht um die Liebe eines Mannes zu einer Frau. Die wird auf den zweiten Platz verwiesen, in Isaaks Liebe zu Rebekka. Und zum andern ist es die Liebe eines Vaters, nicht einer Mutter. Die erste Mutterliebe ist Rebekkas Liebe zu ihrem Sohn Jakob. Sie tritt an dritter Stelle auf und ist ebenfalls mit einer Ungleichbeha

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