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Cover Der Junge und die Taube

Der Junge und die Taube

von Meir Shalev; Übersetzt von: Ruth Achlama

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
384 Seiten
ISBN 978-3-257-60381-1

Kurztext / Annotation

Die Geschichte eines Jungen, der mitten im Krieg auf ungewöhnliche Weise gezeugt wurde, der seinen Vater nie kennenlernte und später alles über Vogelkunde und Taubenzucht wissen wollte.

Meir Shalev, geboren 1948 in Nahalal in der Jesreel-Ebene, studierte Psychologie und arbeitete viele Jahre als Journalist, Radio- und Fernsehmoderator. Er ist einer der bekanntesten und beliebtesten israelischen Romanciers und erhielt 2006 den Brenner Prize, die höchste literarische Auszeichnung in Israel. Meir Shalev schreibt regelmäßig Kolumnen für die Tageszeitung Yedioth Ahronoth

Textauszug

[5] Erstes Kapitel

1

"Und auf einmal", sagte der alte Amerikaner im weißen Hemd, "flog über diese Hölle hinweg eine Taube."

Stille trat ein. Sein unerwartetes Hebräisch, die Taube, die seinem Mund entflogen war, überraschte alle Anwesenden. Auch die, die nicht verstanden, wovon er redete.

"Eine Taube? Was für eine Taube denn?"

Der Mann, großgewachsen und sonnengebräunt, wie nur Amerikaner bräunen und wachsen können, mit Mokassins an den Füßen und einer weißen Löwenmähne auf dem Kopf, deutete auf den Klosterturm. Es sei lange her, aber ein paar Dinge erinnere er noch von dem furchtbaren Gefecht, das hier stattgefunden habe. "Und die werde ich nie mehr vergessen", verkündete er. Nicht nur die Müdigkeit und das Grauen, nicht nur den Sieg - "ein Sieg, der beide Seiten überraschte", bemerkte er -, sondern auch die Details, deren Bedeutung erst hinterher zutage trat: Zum Beispiel, daß gelegentlich eine verirrte oder vielleicht auch gezielte Kugel die Klosterglocke traf - "genau diese Glocke da" - und die Glocke dann immer wieder zu läuten begann, mit einem scharfen, merkwürdigen Klang, der verebbte und verwehte, aber im Dunkeln noch lange nachhallte.

[6] "Und die Taube?"

"Ein seltsamer Klang, erst hoch und scharf, als wäre auch die Glocke überrascht, dann immer schwächer, weh, aber nicht tot, bis zum nächsten Einschlag. Und einer unserer Verwundeten sagte: 'Glocken sind gewohnt, die Schläge von innen zu bekommen, nicht von außen.'"

Und er lächelte vor sich hin, als verstehe er erst jetzt, entblößte die Zähne, die wiederum so weiß waren, wie nur die Zähne alter Amerikaner weiß strahlen können.

"Aber was ist mit der Taube? Was war das für eine?"

"Eine homing pidgeon. Neunundneunzigprozentig. Eine Brieftaube der Palmach. Die ganze Nacht dauerte unser Kampf, und am Morgen, zwei, drei Stunden nach Sonnenaufgang, sahen wir sie plötzlich auf- und davonfliegen."

Das Hebräisch, das er ohne Vorwarnung verwendete, war gut, trotz des Akzents, aber der englische Begriff homing pidgeon klang schöner und richtiger als der hebräische Ausdruck 'Brieftaube', selbst wenn sie zur Palmach gehörte.

"Woran habt ihr das erkannt?"

"Man hatte uns einen Taubenzüchter mitgeschickt. So was gab es '48 noch beim Militär. Einen Fachmann für Tauben mit einem kleinen Taubenschlag auf dem Rücken. Vielleicht hat er sie gerade noch fliegen lassen können, ehe er sein Leben aushauchte, oder vielleicht ist der Schlag zerbrochen, und sie hat die Flucht ergriffen."

"Er ist umgekommen? Wie denn?"

"Fehlte es hier etwa an möglichen Todesursachen? Man brauchte es sich bloß auszusuchen: durch eine Kugel, durch Granatsplitter - an den Kopf, in den Bauch, in die große Schlagader am Oberschenkel. Manchmal sofort und [7] manchmal ganz langsam, Stunden, nachdem man was abbekommen hatte."

Seine honigfarbenen Augen fixierten mich. Er kicherte: "Stellen Sie sich das mal vor, wir sind mit Brieftauben ins Gefecht gezogen, wie im antiken Griechenland."

2

Und auf einmal, über jener ganzen Hölle, sahen die Kämpfer eine Taube. Aus den Rauchschwaden geboren, den Staubschleiern entflohen, schwang sie sich himmelwärts. Hinweg über Röcheln und Schreie, über das Sirren der Splitter in der kühlen Luft, über die heimlichen Wege der Kugeln, über Granatenknall und Maschinengewehrbellen und Kanonendonner.

Dem Anschein nach eine einfache Taube. Blaugrau mit karmesinroten Beinen, zwei dunkle Tallitstreifen zierten die Schwingen. Eine Taube wie alle anderen, ähnlich wie tausend ihrer Artgenossinnen. Nur das Ohr des Fachmanns hörte den kräftigen Flügelschlag, doppelt so stark wie der einer gewöhnlichen Taube. Nur seine Augen erkannten die breite, tiefe Brust, den Schnabel, der die Stirnschrägung in gerader Linie fortsetzte, die typische helle Wa

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