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Cover Die gordische Schleife

Die gordische Schleife

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
272 Seiten
ISBN 978-3-257-60394-1

Kurztext / Annotation

Georg Polger hat seine Anwaltskanzlei in Karlsruhe mit dem Leben als freier Übersetzer in Südfrankreich vertauscht und schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Bis zu dem Tag, als er durch merkwürdige Zufälle Inhaber eines Übersetzungsbüros wird - Spezialgebiet: Konstruktionspläne für Kampfhubschrauber. Polger gerät in einen Strudel von Ereignissen in dem Freund und Feind ununterscheidbar sind.

Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Seinen ersten Kriminalroman, Selbs Justiz, Selbs Mord Der Vorleser Liebesfluchten Sommerlügen Die Heimkehr Das Wochenende

Textauszug

[101] 1

Georg fuhr am späten Nachmittag los und die ganze Nacht durch. Bei Beaune verpaßte er die Abzweigung nach Paris, bei Dijon endete die Autobahn. Georg nahm die Landstraße über Troyes und Reims. Die Kurven der Straße hielten ihn wach. Er raste durch dunkle Städte und Dörfer, in denen gelbe Laternen die Straßen in mattes Licht tauchten. An den hell und weiß bestrahlten Fußgängerüberwegen bremste er ab; manchmal wartete er an einer leeren Kreuzung, bis die Ampel von Rot auf Grün sprang. Kein Mensch war unterwegs, kaum ein Auto. In Reims fand er eine offene Tankstelle, das Tanklämpchen hatte schon eine ganze Weile geblinkt. Er fuhr an der Kathedrale vorbei. Die Fassade erinnerte ihn an das Bild in Françoise' Zimmer.

Nach quälend langsamer Paßkontrolle, bei der der französische Zöllner genauen Bescheid über das Woher und Wohin verlangte, erreichte er in Mons wieder die Autobahn. Um halb acht war er bei seinen Freunden in Brüssel. Das Haus war voller Leben; Felix mußte zur Arbeit, Gisela zum Zug nach Luxemburg, wo sie für das Europäische Parlament dolmetschte, der ältere der beiden Buben in den Kindergarten. Georg wurde mit freundlicher Verwunderung begrüßt und im Getümmel von Frühstück, Aufbruch und Ankunft des Kindermädchens sogleich wieder vergessen. Ja, natürlich könne er sein Auto dalassen. Gisela [102] umarmte ihn flüchtig. "Mach's gut in Amerika." Sie sah etwas in seinem Gesicht. "Ist bei dir alles in Ordnung?" Dann war sie weg.

Das Kindermädchen fuhr ihn zum Flughafen. Im Flugzeug hatte Georg erstmals Angst. Er hatte gedacht, er lasse nur Cucuron zurück, wo er nichts mehr zu verlieren hatte. Jetzt war ihm, als gebe er ein ganzes Leben auf.

Es war ein Billigflug mit engen Sitzen, ohne Drinks und ohne Essen. Auch ohne Film; Georg hatte zwar die Gebühr für den Kopfhörer sparen wollen, sich aber auf die Ablenkung durch die Bilder gefreut. Er sah aus dem Fenster auf die Wolken über dem Atlantik, schlief ein und wachte Stunden später auf. Nacken, Rücken und Beine taten ihm weh. Die Sonne ging hinter roten Wolken unter, ein Bild von lebloser Schönheit. Als das Flugzeug in Newark landete, war es Nacht.

Es dauerte zwei Stunden, bis Georg durch den Zoll war, den Bus nach New York fand und dort in einem mehrstöckigen Busbahnhof ankam. Er nahm eine gelbe Taxe. Der Verkehr war auch um elf Uhr noch dicht, der Fahrer fluchte auf spanisch, fuhr zu schnell und bremste zuviel. Nach einer Weile ging es nur noch geradeaus, links hohe Häuser und rechts dunkle Bäume. Georg war freudig erregt, gespannt. Das mußte der Central Park, die Straße mußte Central Park West sein. Die Taxe wendete und hielt. Er war da. Ein grüner Baldachin überdachte den Weg vom Bordstein zum Eingang.

Georg machte die Haustür auf, trat ein und stand in einem gläsernen Windfang. Hinter einer Glastür saß ein Mann an einem Tisch und las. Die Glastür war verschlossen. Georg [103] klopfte einmal, zweimal, und dann zeigte der Mann mit dem Finger neben ihn. In einem bronzenen Klingelbrett wiesen links alphabetisch geordnete Namen auf zugehörige Apartmentnummern, rechts die numerisch geordneten Apartmentnummern auf einzelne Klingelknöpfe. Zwischen diesen beiden Wohlordnungen hing der Hörer der Sprechanlage. Georg nahm ihn ab. In der Leitung rauschte es, als telephoniere er über den Ozean. "Hallo?" Georg nannte seinen Namen und stellte sich als Gast von Mr. und Mrs. Epp vor. Der Mann hinter dem Tisch ließ ihn ein, gab ihm die Schlüssel zum Apartment und zeigte ihm den Weg. Der Aufzug hatte zwei Türen; durch eine trat Georg ein und vor ihr blieb er im sechsten Stockwerk stehen, bis er merkte, daß hinter ihm eine andere aufgegangen war. Er war müde. Über dem Lubéron graute jetzt der Morgen.

Das Apartment war nächst dem Aufzug. Georg brauchte eine Weile, bis er die drei Schlösser geöffnet hatte; er mußte die Schlüssel an

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