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Cover Der Bruder

Der Bruder

Ein Fall für den Frisör

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
288 Seiten
ISBN 978-3-257-60403-0

Kurztext / Annotation

"Unerwartet" heißt das Bild von Ilja Repin, das der Frisör in Moskau gerade noch bewundert hat, und unerwartet ist auch der Besuch eines Mannes, der kurz darauf in seinem Münchner Salon auftaucht: Jakob Zimmermann, Mitte dreißig, mittelloser Kunstmaler, behauptet, sein Halbbruder zu sein. Wer ist Jakob - ein Erbschleicher oder ein vertuschter dunkler Fleck in der Prinz'schen Familiengeschichte?

Christian Schünemann, geboren 1968 in Bremen, studierte Slawistik in Berlin und Sankt Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina und schreibt auch als Storyliner und Drehbuchautor. Die Studentin Der Frisör Der Bruder Daily Soap

Textauszug

[5] 1

Eine Tanne wanderte durch die Hotelhalle. Sie spazierte am Gepäckwagen vorbei bis zur Säule, kippte, schwenkte einen Meter nach rechts, nach links und steckte fest, ein Schlagbaum zwischen Aufzug und Rezeption. Die Gäste mussten kopfschüttelnd Umwege machen, niemand, außer mir, hatte Zeit. Ich saß im Sessel und schaute auf die Uhr. Aljoscha wollte mich abholen. Ich rechnete: Daheim in München würde Kitty, meine Mitarbeiterin am Empfang, gleich den Salon aufschließen, die Kunden begrüßen, zu ihrem Platz führen, würde die netten mit Aufmerksamkeit verwöhnen, und die weniger netten? Die natürlich auch. Aber dass dort, in München, an diesem Morgen etwas anders war, dass ein Mann von draußen in den Salon spähte und Kitty beim Anblick des blassen Gesichts an der Scheibe erschrak, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich war frei und sorglos, mit Kräuterrührei und Krevetten im Bauch, und vor mir ein Tag, an dem alles möglich war. Ich war im Urlaub.

Eine Hotelangestellte lotste den Baum aus der Sackgasse und dirigierte ihn an seinen Platz. Die Tanne wurde aufgerichtet, stand gerade, die Zweige nach oben gestreckt, schmucklos und unbeholfen. Nur noch zwei Wochen bis zum ersten Advent. Zu Hause musste ich mich gleich nach meiner Rückkehr auch um die Weihnachtsdekoration kümmern. Vor den [6] Feiertagen ist im Salon immer der Teufel los. Manche Kunden, die auf Nummer sicher gehen, buchen den Dezembertermin schon im Spätsommer. Ich wollte nicht daran denken. Die Tannennadeln dufteten und weckten Appetit auf Anisplätzchen, Nusskipferl und Spitzbuben.

"Entschuldigung", sagte eine Frau auf Russisch. "Sind Sie Vladimir Hausmann? Wir sind verabredet."

"Nein", antwortete ich mit meinem deutschen Akzent. Seit eineinhalb Jahren lerne ich Russisch, seit aus der Affäre mit Aljoscha eine Beziehung wurde, aber meine Fortschritte sind dürftig. Zwar kann ich das Alphabet in Druck- und Schreibschrift, aber bei der Aussprache mit all den Zischlauten hapert es noch. Ich sagte: "Ich heiße Tomas Prinz."

Die Frau murmelte eine Entschuldigung. Mir gefiel ihre Kappe, gefärbter synthetischer Pelz, eine flauschige rosa Perücke, unter der kein einziges Haar hervorschaute. Ich wollte eine Unterhaltung probieren und fragte wie im Lehrbuch, Lektion eins: "Und wie heißen Sie?"

Sie schaute sich um. Hatte sie mich nicht verstanden? Ich muss auf die Betonungen achten, mahnt meine Lehrerin daheim in München.

Ich sah zu, wie das Rosakäppchen mit dem Portier diskutierte. Die Hotelangestellte zerrte mit zwei Männern in Overalls an den Kabeln einer Lichterkette, und mir gegenüber redete ein Mann in die Hand an seinem Ohr, die wohl ein Telefon barg. Seine Stimme klang melodisch wie auf meiner Sprachkassette, aber er verschluckte die Endungen, die ich in den Deklinationen mühsam auswendig lerne. Ich verstand kaum etwas. Eigenartig sah er aus. Das Haar ohne [7] Scheitel glatt in die Stirn gekämmt und über den Augenbrauen gerade abgeschnitten. Die Koteletten, die dem runden Gesicht Kontur geben könnten, endeten bereits über dem Ohrläppchen. Der Mann guckte zur Drehtür. Am Hinterkopf dasselbe: Alles auf einer Länge, der flache Schädel betont, statt mit einer Stufung das fehlende Volumen zu kompensieren. Der russische Haarschnitt ist eine Katastrophe. Bei uns treiben die Männer mit Wachs und Gel den größten Aufwand, rasieren und trimmen das Haar an allen Körperteilen, während man hier denkt, mit einem sauber ausrasierten Nacken sei es getan. Seit drei Tagen war ich nun schon bei Minusgraden in der russischen Hauptstadt unterwegs, schaute mir die Menschen an und achtete darauf, den Kreml mit seinen hohen roten Mauern als Orientierungspunkt nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Moskauerinnen auf der Twerskaja Straße sahen aus wie Models - aber was war mit den Männern los? War das die "neue Generation", von der Aljoscha immer erzählte? Ich überlegte, wie e

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