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Cover Der Frisör

Der Frisör

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
256 Seiten
ISBN 978-3-257-60405-4

Kurztext / Annotation

In welchem Dilemma steckte die Beauty-Redakteurin Alexandra Kaspari am Abend vor ihrem Tod? War sie in Intrigen verwickelt, in Korruption, gab es ein persönliches Motiv? Starfrisör Tomas Prinz fühlt sich persönlich herausgefordert, denn abgesehen vom Mörder war er der Letzte, mit dem Alexandra plauderte.

Christian Schünemann, geboren 1968 in Bremen, studierte Slawistik in Berlin und Sankt Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina und schreibt auch als Storyliner und Drehbuchautor. Die Studentin Der Frisör Der Bruder Daily Soap

Textauszug

[5] 1

Ich sah es Beas Gesicht an. Der Anruf war so dringend, als ginge es um Leben und Tod. Ich hörte die Stimme aus dem Telefon, hoch und schrill. Bea hatte den Hörer am Ohr und den Finger im Kalender.

"Das sieht ganz schlecht aus. Das ist unmöglich." Bea bedauerte. "Färben ginge, aber der Chef ist zu. Vielleicht könnte jemand anderes als Tomas schneiden?"

Bea warf mir einen kurzen Blick zu. Ich kenne das. Solche Telefonate gibt es im Salon täglich. Wer morgens in den Spiegel schaut und seine Haare nicht mehr sehen kann, will sofort, am besten eine Stunde später, einen Termin beim Frisör.

Bea wechselte den Hörer vom rechten zum linken Ohr, blätterte im Kalender eine Seite um und machte ein letztes Angebot: "Nächste Woche Mittwoch." Sie atmete tief durch.

Ich massierte dem alten Hoffmann die Kopfhaut, während wir beide Bea zuhörten. Wir beobachteten sie im Spiegel. Hoffmanns Augen sind helle Pfützen hinter dicken Brillengläsern, blaß und ausdruckslos, wie in diesem Juli der milchigblaue Himmel über München. Seit Wochen machte die Hitze die Leute nervös und gereizt oder lethargisch und faul. Auch ich mußte mich zusammenreißen. Das Surren der Föne, der Geruch nach schwerem Parfüm, das ständige [6] Klingeln der Telefone ging mir an die Nerven. Heute weiß ich: Das Unheil lag in der Luft.

Bea hing noch immer am Telefon. Wenn sich jemand nicht abweisen läßt, bleiben wir höflich und zuvorkommend. Kunden werden nicht vergrault, auch wenn sie noch so penetrant sind. Ich konzentrierte mich auf Hoffmanns Schädel, eine bucklige Landschaft, auf der nur noch wenige Haare wurzeln. Sie zu schneiden ist eine Sache von Minuten. Hoffmann tat mir leid, er hatte vieles verloren in der letzten Zeit, nicht nur die Haare. Ich bearbeitete die Kopfhaut, als ließe sich der Haarwuchs wieder beleben. Hoffmann wußte es besser. Er ist Realist. Ehemaliger Konservenfabrikant mit einem Faible für Hausmannskost. Im Alter kamen ihm die Geschmacksnerven und die Frau abhanden. Er kocht jetzt selbst, salzt so kräftig, daß die Schilddrüse Probleme macht.

"Ich verstehe", sagte Bea. Und: "Bitte warten Sie einen Moment." Sie hielt mir den Hörer hin.

Die Stimme am Telefon war nun ganz nah und schmeichelnd. Es war die Stimme von Alexandra Kaspari, einer Frau, für die ich immer eine Ausnahme mache. Bei mir wird jeder bedient, aber nur ausgewählte Kunden von mir persönlich und die wenigsten nach Feierabend.

"Tommy, du mußt mich drannehmen, bitte!"

"Was, heute noch?"

"Ja, unbedingt. Ich sehe fürchterlich aus. Es ist ein Notfall."

Ich nahm den Füller. Es sind immer Notfälle. "Achtzehn Uhr", sagte ich und trug den Termin ein.

Zwei Stunden später kam sie. Zu früh. Die brünetten [7] Haare, sonst kräftig, waren Strippen ohne Spannung und Leben, wie tot. Alexandra und ich küßten uns, in die Luft, rechts und links. Ich roch ihren Duft nach Holz und Karamel. Ermattet sank sie auf das Sofa, stellte die Handtasche aus geprägtem Leder neben sich und strich über den Rock mit dem karierten Muster, den in diesem Sommer alle trugen. Der Rock war eng und endete über dem Knie. Alexandra kickte ihre Pumps weg und betrachtete irritiert ihre nackten Fersen und die zwei Blasen, groß und entzündet, wie nasse Augen.

"Wenn du mich fragst", sagte Bea halblaut zu mir, "kommt auf die etwas zu. Sie versucht sich zu schützen, sie fürchtet sich vor etwas. Eine tiefe Verletzung wahrscheinlich."

"Bea, nicht schon wieder!" Praktisch von allen Stammkunden speichert sie die Sternzeichen und Geburtsdaten im Kopf, jederzeit abrufbar für ihre gewagten Analysen. Sie ist meine Farbstylistin, trägt selbst in jeder Saison eine andere Haarfarbe, oft leuchtend roten Lippenstift und immer schwarze Klamotten.

"Als Zwillingsfrau wird Alexandra getrieben", sagte Bea, "da kann sie machen, was sie will. So, wie der Mond jetzt steht, die Ä

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