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Cover Das Sandkorn

Das Sandkorn

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
416 Seiten
ISBN 978-3-257-60417-7

Kurztext / Annotation

Ein Mann streut Sand aus Süditalien auf den Straßen von Berlin aus. In Zeiten des Kriegs ist solch ein Verhalten nicht nur seltsam, sondern verdächtig. Der Kommissar, der den kuriosen Fall übernimmt, stößt unter dem Sand auf eine Geschichte von Liebe und Tabu zwischen zwei Männern und einer Frau. Ein Zeitbild von 1914, aus drei ungewöhnlichen Perspektiven.

Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, studierte an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München. Danach besuchte er die Journalistenschule an der Columbia University, New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben. Sein Debüt Die Welt ist im Kopf Das Sandkorn

Textauszug

[22] Der Auftrag

Rom, Königlich Preußisches Historisches Institut, Mai 1914

Es ist kein großartiger, doch immerhin: es ist ein Posten in Rom, der schönsten Stadt auf Erden; in der man dem Himmel am nächsten ist, was ein jeder spürt, der einmal unter der Kuppel, dieser mächtigen Saugglocke, gestanden und himmelwärts geschaut und das Gefühl gehabt hat, nach oben zu schweben: So ergeht es jedenfalls Jacob Tolmeyn jedes Mal, wenn er den Petersdom besucht.

Dass er ganz unten anfängt, als Dritter Sekretär (auf Probe) am Königlich Preußischen Historischen Institut, merkt Tolmeyn schon bei der Zuteilung seines Arbeitsraums. Dieser liegt im Souterrain günstig zum Handarchiv; weniger vornehm ausgedrückt: ein Kellerloch. Was zwar Wege erspart (ständig hat er Dokumente hin und her zu tragen), ihm aber das Gefühl der Abgeschiedenheit, sogar Gefangenschaft vermittelt; obwohl durch das hoch in der Wand eingesetzte, in einen Schacht versenkte Fenster ab und zu eine Lichtspiegelung, ein Luftstoß und ein Klang von der Straße hereinfällt; eher zufällig, wie kleine Pelztiere, die in eine Falle getappt sind und noch ein Weilchen zappeln, bis die Ruhe wieder einkehrt.

Es hätte ihn nicht gewundert, wenn seine Uhr jeden [23] Morgen um acht Uhr stehengeblieben wäre, denn wenn er am Ende seines Arbeitstages aus dem Keller aufsteigt, zeigt sie wieder, oder immer noch, auf die acht. Tolmeyn gleicht die Zeitangabe kurz mit der Wanduhr über dem Portal des Palazzo Giustiniani ab, bevor er die von der Gegenwart bestimmte Hälfte seines Lebens in der vis-à-vis gelegenen Kneipe mit einem Aperitivo und einer Gier und Leidenschaft beginnt, für die ihn seine Jahre in Berlin gut vorbereitet haben.

Die andere Hälfte besteht aus Mittelalter, leider viel zu selten dem leuchtenden, dem bunten Mittelalter, wie man es aus farbig ausgemalten Handschriften kennt. Meistens handelt es sich um staubige Abschriften von Urkunden, die man oben, im zweiten Stockwerk, für wichtig hält.

Institutsdirektor Professor Stammschröer ist besessen von Diplomatik, der Urkundenlehre. In allen bedeutenden Archiven der italienischen Halbinsel lässt er nach "Kaiserurkunden und Reichssachen" fischen. Wobei es ihm um deutsche Kaiser und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation geht; nichts sonst; jeglicher Beifang wird wieder in den Ozean gekippt. Es ist die Aufgabe Tolmeyns, die reichlich hereinströmenden Erkenntnisse zusammenzufassen, nach vorgegebenem Stichwortraster aufzubereiten und nach oben zu reichen. Zurück erhält er in der Regel bloß dürre Zettelchen der Belobigung, des Tadels und der weitergehenden Instruktion.

Deshalb wundert er sich, als Anfang Mai Professor Stammschröer höchstpersönlich erscheint. Umstandslos räumt dieser ein paar Dokumentenbündel von dem für Besucher vorgesehenen Stuhl. Er setzt sich aber nicht, als er die Staubwolken aufsteigen sieht, und sagt im Ton einer Feststellung:

[24] "Tolmeyn, können Sie umgehend reisefertig sein?"

"Wohin, Herr Professor?", fragt Tolmeyn.

Umgehende Reisefertigkeit scheint doch vom Reiseziel abzuhängen. Einen Spaziergang nach Ostia, den bewerkstelligt er natürlich aus dem Stand, mit einem Griff nach dem Hut.

Stammschröer lockert seinen Zwicker mit einem Nasenkräuseln und lässt ihn - am Faden gesichert - abstürzen. Gegenfragen hat er gar nicht gern. Wenn er seinen Dritten Sekretär auf die Suche nach Livingstone hätte schicken wollen, hätte er ihm sicher eine längere Vorwarnung gegeben.

"Gehen Sie sofort nach Hause packen, dann erreichen Sie noch den Express nach Neapel. Umsteigen in Caserta, Foggia, Barletta. Dort die Dampf-Tramway. Morgen Vormittag spätestens müssen Sie in Andria sein. Unser rasches Eingreifen ist erfordert." Zum letzten Satz schießt der Zeigefinger in die Höhe.

Professor Fridolin Stammschröer: ein Mann so groß wie breit wie imposa

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Christoph Poschenrieder, 1964 bei Boston geboren, wohnt in München. Er studierte an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München und setzte sich schon mit Schopenhauer auseinander, lange bevor er seinen ersten Roman schrieb. Außerdem besuchte er die Journalistenschule an der Columbia University, New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben.

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