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Cover Die Seltsamen

Die Seltsamen

von Stefan Bachmann; Übersetzt von: Hannes Riffel

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
368 Seiten
ISBN 978-3-257-60424-5

Kurztext / Annotation

Das souveräne Debüt eines 18-Jährigen - ein Bestseller in Amerika und jetzt auch in Deutschland: Ein schüchterner Junge zieht aus, seine Schwester zu suchen, und findet nicht nur einen Freund, sondern muss - vielleicht - auch die Welt retten.

Stefan Bachmann, geboren 1993 in Boulder / Colorado, lebt in Zürich, wo er seit seinem elften Lebensjahr das Konservatorium besucht. Sein von der Liebe zu Steampunk, Charles Dickens und C.S. Lewis' Chroniken von Narnia Die Seltsamen

Textauszug

[35] ZWEITES KAPITEL

Der Rat wird getäuscht

Arthur Jelliby war ein ausgesprochen netter junger Mann, was vielleicht erklärt, weshalb er es als Politiker nie weit gebracht hatte. Er war nicht etwa deswegen Parlamentsabgeordneter, weil er besonders klug gewesen wäre oder sonst über irgendwelche Talente verfügt hätte, sondern weil seine Mutter eine hessische Prinzessin mit guten Verbindungen war und mit dem Herzog von Norfolk Krocket gespielt hatte. Während sich also andere Amtsinhaber abmühten, bis ihnen vor Ehrgeiz fast die Seidenwämser platzten, während sie über Austernsoupers den Sturz ihrer Rivalen planten oder sich wenigstens über Staatsangelegenheiten auf dem Laufenden hielten, war Mr. Jelliby weit mehr daran interessiert, lange Nachmittage in seinem Club in Mayfair zuzubringen, seiner hübschen Gattin Pralinen zu kaufen oder einfach nur bis mittags zu schlafen.

Und genau das tat er auch an einem gewissen Tag im [36] August, und deshalb traf ihn die Aufforderung, bei einem Treffen des Staatsrats im Parlamentsgebäude zu erscheinen, völlig unvorbereitet.

Während er die Treppe seines Hauses am Belgrave Square hinunterstolperte, versuchte er mit einer Hand, sein wirres Haar in Ordnung zu bringen, und mit der anderen, die winzigen Knöpfe an seinem kirschroten Wams zu schließen.

"Ophelia!", rief er bemüht fröhlich.

Seine Gattin erschien in der Tür des Frühstückssalons, und er deutete entschuldigend auf die schwarze Seidenkrawatte, die ihm schlaff unterm Kragen hing. "Der Kammerdiener hat frei, und Brahms weiß nicht, wie das geht, und ich krieg es selbst einfach nicht hin! Knote sie mir, mein Schatz, sei so lieb, und schenk mir ein Lächeln, ja?"

"Arthur, du darfst einfach nicht so lange schlafen", sagte Ophelia streng und ging ihm entgegen, um ihm die Krawatte zu binden. Mr. Jelliby war ein großer, breitschultriger Mann, und da sie eher klein war, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen.

"Ach, aber ich muss doch mit gutem Beispiel vorangehen. Denk doch nur an die Schlagzeilen: 'Krieg abgewendet! Tausende von Leben gerettet! Das englische Parlament hat seine Sitzung verschlafen.' Glaub mir, die Welt wäre ein weit besserer Ort."

Das klang nicht halb so geistreich, wie es sich in seinem [37] Kopf angehört hatte, aber Ophelia lachte trotzdem, und Mr. Jelliby, der sich ausgesprochen amüsant vorkam, stürzte hinaus ins Großstadtgetümmel.

Für Londoner Verhältnisse war es ein schöner Tag. Was bedeutete, dass es ein bisschen weniger wahrscheinlich war, dass man erstickte oder an Lungenvergiftung starb. Der schwarze Rauchvorhang aus den Millionen von Schornsteinen war vergangene Nacht vom Regen fortgespült worden. Die Luft schmeckte noch immer nach Kohle, aber immerhin, zwischen den Wolken blitzte hin und wieder die Sonne hervor. Staatseigene Automaten knarrten auf rostigen Gelenken durch die Straßen, kehrten den Dreck vor sich her und ließen Öllachen zurück. Eine Gruppe von Laternenanzündern war damit beschäftigt, die kleinen Flammenfeen, die hinter Glas in den Straßenlaternen kauerten, mit Wespen und Libellen zu füttern. Bis zum Einbruch der Dunkelheit verbreiteten die mürrischen Geschöpfe jedoch nur mattes Licht.

Mr. Jelliby bog in die Chapel Street und winkte mit der Hand nach einer Droschke. Hoch über ihm erstreckte sich eine gewaltige Eisenbrücke; sie ächzte und stöhnte, während eine Dampflokomotive darüber hinwegrumpelte, und Funken regneten herab. An einem normalen Tag hätte Mr. Jelliby genau diesen Zug genommen, den Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt und müßig auf die Stadt [38] hinausgeschaut. Oder er hätte seinen Leibdiener Brahms angewiesen, ihn auf sein neumodisches Fahrrad zu hieven und ihn ordentlich anzuschieben, damit er übers Pflaster davonstrampe

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