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Cover Jimi Hendrix live in Lemberg

Jimi Hendrix live in Lemberg

von Andrej Kurkow; Übersetzt von: Johanna Marx; Sabine Grebing

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
416 Seiten
ISBN 978-3-257-60436-8

Kurztext / Annotation

Auch hinter dem Eisernen Vorhang hatte Jimi Hendrix Fans, und was für welche! Doch auch heute gehen in Lemberg, der Vielvölkerstadt im Westen der Ukraine, mehr als merkwürdige Dinge vor sich. Verantwortlich dafür sind die Macht der Liebe, die uferlose Phantasie eines Schriftstellers - und die unsterbliche Musik von Jimi Hendrix. Ein Feuerwerk von unglaublichen und skurrilen Einfällen.

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen (er spricht insgesamt elf Sprachen), war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach wurde er Kameramann und schrieb zahlreiche Drehbücher. Sein Roman Picknick auf dem Eis

Textauszug

[5] 1

Am Gang kann man fast immer erkennen, wie alt jemand ist. Ein ganz junger Mensch geht fröhlich und neugierig. Ab und zu stellt er sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf etwas zu erhaschen, was er sonst nicht sehen würde. Solange er nicht größer als einsfünfzig ist, stört das auch keinen. In der Folge wird der Gang des Menschen für kurze Zeit ein wenig rüpelhaft und arrogant, oder aber geduckt, die Schultern hochgezogen und leicht nach vorne gebeugt. Das gefällt natürlich bei weitem nicht mehr allen und ruft Ängste hervor: Wer weiß schon, was ein Mensch mit einem solchen Gang anstellen kann?! Von da an ist es bei jedem anders. Der eine geht zwanzig Jahre lang gerade, der andere etwas seitlings - das hängt von der Stellung im Leben und der Größe der Angst ab. Aber diese Regel gilt nur tagsüber. Nachts kann man seine Tagesgangart und sein Alter ablegen und anders gehen. Die Nacht macht frei. Vor allem die Nacht vom 17. auf den 18. September.

In dieser Septembernacht 2011 waren Schritte aus der Hrnschewskyj-Straße, der Seljona, der Fjodorow-Straße und der Samarstyniwska zu vernehmen sowie aus Richtung des Stryjski-Parks, in dessen Bäumen schon seit je Scharen von fetten Krähen übernachten, die sich tagsüber auf der Lemberger Mülldeponie bei Hrybowytschi vollgefressen haben.

[6] Es waren die Soloschritte von einzelnen Menschen, die niemals, auch nicht zu Zeiten der ewig währenden Sowjetunion, in der Lage gewesen waren, in Reih und Glied zu marschieren. Hätte irgendein Eintrommler versucht, ihre Schritte auf Kurs zu bringen, hätte er sofort eine "leichte Körperverletzung" davongetragen. Zu "schwerer Körperverletzung" waren diese Leute absolut nicht imstande. Selbst wenn sich immer mal wieder einer, den sie erst kurz zuvor in ihren engsten Kreis aufgenommen hatten, in anderem, übertragenem Sinne als Eintrommler entpuppte. Der engste Kreis war erst in letzter Zeit wirklich sehr eng geworden. Früher, vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren, gehörten ihm noch mehr als fünfzig Leute an, und jedes Jahr wurde er Mitte September sogar bedeutend größer. Dann erweiterte er sich um Gleichgesinnte, die per Autostopp, Zug oder einfach zu Fuß anreisten.

Am Redemptoristenkloster des heiligen Alfons ging ein Mann mit etwas nervösen Schritten vorbei. Man konnte hören, dass er es eilig hatte. Er hastete durch die Samarstyniwska, die ihre steinerne Hand im Laufe der Zeit auch bis Brjuchowytschi hätte ausstrecken können, das aber aus irgendwelchen Gründen nicht getan hatte. Auf die Länge dieser Straße können die Pariser Boulevards heute noch neidisch sein, und würde man die Samarstyniwska in gleich große Stücke teilen und diese so anordnen, dass sie sich in der Mitte im rechten Winkel kreuzen, dann erhielte man eine vollwertige deutsche Kleinstadt mit einer reichen Geschichte. Es gibt nichts, was die Samarstyniwska in ihrem langen und immer noch andauernden Leben nicht gesehen [7] hätte. Straßen leben lange und überleben die Menschen, die von Generation zu Generation in ihnen wohnen. In der Samarstyniwska wurde immer viel gebetet, es wurden Wodka und Likör hergestellt und getrunken, im Filmarchiv des Bezirk-Filmverleihs wurden Filme aufbewahrt und im Schewtschenko-Kino auch gleich vorgeführt, es wurde erklärt, wie man Gärten anlegt und Gemüse zieht, es wurde Fahrunterricht erteilt und es wurden sogar kranke und verletzte Milizionäre behandelt. Das ist übrigens auch heute noch so. Man pflegt sie gesund oder hält in der Krankenhauskapelle einen Trauergottesdienst für diejenigen ab, die man nicht wiederherstellen konnte. Alles muss Regeln folgen, und jede Bewegung muss Anzeichen einer künftigen Vollendung aufweisen, wie auch jeder Satz, egal, wie viele Kommas er haben mag, mit einem Punkt, einem Doppelpunkt oder einem noch emotionaleren Satzzeichen enden muss.

Das nicht gerade ereignislose Leben des eiligen Fußgänger

Beschreibung für Leser

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Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Andrej Kurkow, geb. 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew. Er studierte Fremdsprachen (er spricht insgesamt elf Sprachen), arbeitete als Redakteur, Gefängniswärter, Kameramann und schrieb zahlreiche Drehbücher. Seit 1996 lebt er als freier Schriftsteller in Kiew und London.

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