Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Isabel & Rocco

Isabel & Rocco

von Anna Stothard; Übersetzt von: Jenny Merling

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
240 Seiten
ISBN 978-3-257-60441-2

Kurztext / Annotation

Isabel und Rocco führten ein ganz normales Leben, bis sie von ihren Eltern von einem Tag auf den anderen verlassen werden. Die beiden Teenager sind nun vollkommen auf sich gestellt, und in einer Welt ohne Regeln zählt nur noch, was schon immer am wichtigsten war: der jeweils andere.

Anna Stothard, geboren 1983 in London, wuchs in Washington, Peking und New York auf. Nach dem Abschluss in Englischer Literatur in Oxford bekam sie ein Stipendium des American Film Institute in Los Angeles, wo sie zwei Jahre Drehbuch studierte. Anna Stothard lebt zurzeit in London.

Textauszug

[5] 1

Das erste Kapitel

Rocco versteht nicht, wieso für mich schöne Dinge nach dem ersten Mal ihren Reiz verlieren. Klar, sie können unter Umständen intensiver werden, aber nicht mehr besser. Bis zur Pubertät ist das eindrücklichste Gefühl körperlicher Schmerz. Wenn man dann das erste Mal unter den warmen Fingern eines Jungen gekommen ist, fühlt man sich auf einmal den Sternen nah. Das nächste Mal ist vielleicht besser, stärker, egal was, aber es hebt nicht mehr wie beim allerersten Mal die Welt aus den Angeln. Als Baby sind erste Male grundlegender Natur: der erste Schmerz, das erste Mal kacken, der erste Schritt, das erste Wort, das erste Mal krank sein. An die meisten davon erinnert man sich später nicht mal. Und dann geht das Ganze mit sechzehn noch mal von vorn los. Der erste Kuss, das erste Mal Sex und tausend andere wundervolle Momente der Vorfreude, diese Momente kurz vor einem neuen Gefühl, wie in Bernstein eingeschlossen.

Erste Male sind die Sammlerstücke unter den schönen Momenten im Leben. Für Rocco zählt bei Schönem nur die Menge, aber ich will jedes einzelne erste Mal in diesem Buch festhalten. Wenn ich sie irgendwann alle aufgebraucht habe wie eine Packung dieser Happy Pills, [6] die man nur in Thailand kriegt, kann ich auf die schönen, die schlimmen und die krassen Momente zurückblicken und weiß wieder, wie es war, sechzehn zu sein.

Ich heiße Isabel. Vor sechs Monaten haben mein Bruder und ich die Stadt verlassen, in der viele unserer ersten Male stattfanden. Wir sind aus dem schicken London hierhergezogen, in ein billiges Hostel im Quartier Latin, in dem man die Zimmer gleich für mehrere Monate mieten kann. Ein halbes Jahr später wohnen wir immer noch in unserem winzigen, verrauchten Zimmer, und hier sitze ich jetzt und katalogisiere meine ersten Male. Rocco findet es nicht gut, dass ich meine Erinnerungen festhalte. Für ihn zählt nur die Gegenwart, und was in London passiert ist, will er hinter sich lassen. Dass ich das alles aufschreibe, macht die ganze Sache seiner Meinung nach nur komplizierter.

Auch ich würde manches gern vergessen, aber es geht mir nie wirklich aus dem Kopf. Doch wenn ich London erst auf diesen Seiten archiviert habe, kann ich die Stadt bestimmt endlich abhaken. Für mich ist dieses Tagebuch so etwas wie eine Sammlung, so wie andere Leute Käfern eine Nadel durch den Panzer bohren und sie auf einem Brett festpinnen. So ein Sammler würde doch auch nicht die Leidenschaft für sein Hobby verlieren, bevor nicht alle Käfer fein säuberlich hinter Glas aufgereiht sind. Erst dann würde er sie vielleicht in den Schrank legen und zugeben, dass dieses Hobby nur eine Phase war. Als ich das zu Rocco gesagt habe, hat er mich nur sehr ernst angesehen und gefragt, und was, wenn dieser Sammler jeden Käfer katalogisieren müsste, den er kennt? Wenn [7] er wirklich jede einzelne Spezies, die ihm unterkommt, erfassen müsste, bis die Käfer irgendwann völlig sein Leben bestimmen? Ich habe nur gelacht.

Vom Fenster aus kann ich die Stadt nicht sehen, nur die Backsteinwand des Wohnhauses gegenüber und eine kleine Seitenstraße voller Müllsäcke, gegen die gerade ein Mann pinkelt. Auf dem Tisch stehen vier Spielzeugsoldaten, auf dem Schrank das Modell eines Auges, und auf dem Bett liegen zwei rote Masken. Alles Überbleibsel aus London. In der Scheibe das verschwommene Spiegelbild von Rocco, der sich gerade zum Schlafen umzieht. Die halbmondförmige Narbe auf seiner rechten Schulter. Ich habe mir die Haare auf Schulterlänge abgeschnitten und dunkelbraun gefärbt. Dadurch sehe ich noch blasser aus als ohnehin schon. Ich trage keine Kontaktlinsen mehr, sondern stattdessen eine schmale Brille mit Metallgestell. Rocco sieht ohne seine dunklen Locken auch anders aus. Seine Gesichtszüge wirken härter, seine Augenbrauen und die Wangenknochen treten ohne die sanfte Umrahmung der Haare deutlicher hervo

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Drucken

Kundenbewertungen

13,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!
Maximaler Downloadzeitraum: 24 Monate