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Cover Ein gutes Leben ist die beste Antwort

Ein gutes Leben ist die beste Antwort

Die Geschichte des Jerry Rosenstein

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
192 Seiten
ISBN 978-3-257-60448-1

Kurztext / Annotation

Lange hat Jerry Rosenstein geschwiegen. Doch auf einer Reise durch Holland und Deutschland erzählt er dem 40 Jahre jüngeren Friedrich Dönhoff seine Geschichte. In der hessischen Provinz geboren, wuchs Jerry in Amsterdam auf, bis er im Alter von 15 Jahren deportiert wurde und nach Auschwitz kam. Mit viel Glück und dem richtigen Instinkt hat er diese Zeit überlebt. Danach wollte Jerry nur noch eins: frei sein. Und das hat er in vielerlei Hinsicht auch geschafft.

Friedrich Dönhoff, geboren 1967 in Hamburg, ist in Kenia aufgewachsen. Er studierte Geschichte und Politik, verfasste Biographien und schrieb u.a. den Bestseller Die Welt ist so, wie man sie sieht - Erinnerungen an Marion Dönhoff

Textauszug

[5] 1

San Francisco, im Juni 2013. Der Wecker auf dem Nachttisch im Gästezimmer zeigt sieben Uhr. Ich stehe auf, gehe leise in die Küche und drücke den Schalter an der Kaffeemaschine, wie Jerry es mir gestern Abend erklärt hat. Der Apparat beginnt zu röcheln.

In der Diele ist das Pendel der großen Standuhr zu hören. Aus dem anliegenden Esszimmer antwortet die kleinere Wanduhr mit ihrem hellen, aufgeregten Ticken. Der Esstisch ist wie in einem guten Hotel mit Tellern, Servietten, Besteck und geschliffenen Gläsern gedeckt.

Plötzlich wird ein Schlüssel von außen ins Schloss der Wohnungstür gesteckt. Foxy, der kleine Mischlingshund, hebt den Kopf. Wie von Geisterhand öffnet sich die Tür, aber nur einen Spaltbreit. Der Hund trippelt los, läuft über Parkett und Teppich, schlüpft nach draußen und verschwindet. Geräuschlos geht die Tür wieder zu.

Ich rühre einen Löffel Zucker in den Kaffee, [6] nehme etwas Milch und gehe mit meinem Becher hinüber ins Wohnzimmer. Die Strahlen der Morgensonne fallen auf Sofa, Kommode und Tisch, auf gerahmte Bilder und verlieren sich in dem langen Gang, der in den hinteren Teil der Wohnung führt. Draußen, auf der Jackson Street, fährt mit leisem Brummen ein Auto vorüber.

Ich lese im San Francisco Chronicle die Lokalnachrichten, als sich wieder der Schlüssel im Schloss herumdreht. Wieder öffnet sich lautlos die Tür. Durch den Spalt schlüpft der Hund herein. Er läuft zielstrebig über den Teppich in den Gang, an der weißen Holzvertäfelung entlang. Als er hinten links durch die immer offene Schlafzimmertür verschwindet, hat der unsichtbare Dogwalker die Haustür schon wieder geschlossen.

Jerrys Schlafzimmer ist quadratisch geschnitten und hat ein Fenster mit Blick in den Garten. Über dem Bett hängt ein Kunstwerk aus Bambusstäben, auf der breiten Matratze liegt eine Daunendecke. Ein kurzer Arm ragt hervor, am anderen Ende ein Bein und ein Fuß, der in einem Wollstrumpf steckt. Foxy springt auf den ledernen Hocker, von dort auf die Matratze und rollt sich neben seinem Herrchen zusammen.

Für Jerry ist es eine schwere Stunde. Gegen acht Uhr morgens fällt er in den tiefen Schlaf, der ihm [7] in der Nacht nicht vergönnt ist. Aber dann kommen auch die Alpträume, jeden Morgen, bis er gegen neun Uhr schlagartig erwacht.

Ich höre, wie er die Jalousien hochzieht und über den Flur in das gegenüberliegende Zimmer tritt. Im Pyjama geht er zum Schreibtisch, setzt sich die Brille auf, checkt zuerst die Mails von Freunden aus anderen Ländern und Zeitzonen, überfliegt dann die Onlinenachrichten und informiert sich über die Aktienkurse in New York, wo man bereits drei Stunden voraus ist. So macht er es jeden Morgen.

Jerry schaut hoch. "Hallo!", sagt er. "Gut geschlafen?" Er schiebt den Stuhl zurück, steht auf und klopft mir im Vorbeigehen auf die Schulter. "Die erste Nacht ist immer die schlimmste, morgen hast du dich schon an die neue Zeit gewöhnt."

In der Küche holt er Müsli und Milch aus dem Schrank, legt Kiwi, Äpfel und Bananen bereit. Die runde Teedose aus Messing schiebt er beiseite, am Morgen braucht er Kaffee. Er hat gerade die Maschine bedient, als das Telefon klingelt.

Eine Frauenstimme tönt aus dem Lautsprecher: "Guten Morgen, Jerry! Wie geht es dir?", fragt sie auf Englisch.

Es ist Lisa, eine junge Ärztin und enge Freundin, die regelmäßig anruft und sich nach seinem Befinden erkundigt. Jerry plagen oft heftige [8] Rückenschmerzen, und vor ein paar Monaten war er ernsthaft krank.

"Ich habe einen Freund aus Deutschland zu Besuch", sagt Jerry. "Wir fahren heute mal ein bisschen in der Stadt herum."

"Oh, wirklich?", knistert die Stimme durch den Raum. "Hört sich gut an!"

"Ja, endlich mal jemand, der sich für mein Leben interessiert."

"Komm schon, Jerry. Wenn man etwas über dich erfahren will, weichst du do

Beschreibung für Leser

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Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Friedrich Dönhoff, geb. 1967 in Hamburg, ist in Kenia aufgewachsen. Nach seinem Studium der Geschichte und Politik und der Ausbildung zum Drehbuchautor hat er sich als Verfasser von Biographien einen Namen gemacht. Friedrich Dönhoff lebt in Hamburg.

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