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Cover Kindeswohl

Kindeswohl

von Ian McEwan; Übersetzt von: Werner Schmitz

Erschienen 2015 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
224 Seiten
ISBN 978-3-257-60452-8

Kurztext / Annotation

Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls - das ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye. In ihrer eigenen, kinderlosen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Bis zu dem Tag, als ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag unterbreitet und ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt wird, in dem es für einen 17-jährigen Jungen um Leben und Tod geht.

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er für Amsterdam Abbitte

Textauszug

[48] 2

Sie nahm den üblichen Weg vom Gray's Inn Square zu den Royal Courts of Justice und versuchte möglichst wenig zu denken. In einer Hand trug sie ihre Aktentasche, in der anderen den aufgespannten Schirm. Es herrschte ein trübes, grünes Licht, die Stadtluft war kühl an ihren Wangen. Sie verließ das Haus durch den Haupteingang; dem Morgenplausch mit John, dem freundlichen Pförtner, wich sie mit einem munteren Nicken aus. Dabei hoffte sie, dass sie nicht allzu sehr wie eine Frau in der Krise aussah. Um sich von ihrer Situation abzulenken, ließ sie vor ihrem inneren Ohr ein Stück ablaufen, das sie auswendig gelernt hatte. Es war ihr Ideal von sich selbst, das sie da hörte, über den Lärm der Rushhour hinweg, die Pianistin, die sie niemals sein würde, eine Pianistin, die Bachs zweite Partita ohne jeden Fehler spielte.

Es hatte fast den ganzen Sommer geregnet, die Stadtbäume wirkten gleichsam angeschwollen, ihre Wipfel aufgeplustert; die Bürgersteige waren sauber und glatt, die Autos auf der High Holborn blitzblank wie im Ausstellungssalon. Als sie das letzte Mal hingesehen hatte, war die ebenfalls angeschwollene Themse von einem dunkleren Braun gewesen, düster und rebellisch stieg die Flut an den Brückenpfeilern empor, drauf und dran, die Straße zu erobern. Aber alle marschierten [49] weiter, klagend, entschlossen, durchnässt. Der Jetstream, außer Kontrolle geraten, war nach Süden abgebogen, blockierte die linde Azorenluft und saugte Eiseskälte aus dem Norden an. Folge des menschengemachten Klimawandels - schmelzendes Meereseis, das die oberen Luftschichten durcheinanderbrachte - oder von unregelmäßiger Sonnenfleckenaktivität, für die niemand etwas konnte, oder von natürlichen Schwankungen, uralten Rhythmen des Planeten. Oder von allen drei Faktoren, oder auch nur zweien davon. Aber was nützten Erklärungen und Theorien so früh am Tag? Fiona und alle anderen in London mussten zur Arbeit.

Als sie die Straße überquerte, um in die Chancery Lane abzubiegen, begann es heftiger zu regnen, ein jäher kühler Wind trieb die Tropfen vor sich her. Dunkler war es auch geworden, Wasser spritzte ihr eiskalt an die Waden, Menschen hasteten vorbei, stumm und mit sich selbst beschäftigt. Auf der High Holborn strömte der Verkehr unbeeindruckt weiter, laut und machtvoll, Scheinwerfer gleißten auf dem Asphalt, und sie lauschte wieder dem großartigen Präludium, dem Adagio im italienischen Stil, der fernen Verheißung von Jazz in den schleppenden dichten Akkorden. Aber es gab kein Entrinnen, das Stück führte sie geradewegs zu Jack zurück, denn für ihn hatte sie es letzten April auswendig gelernt, als Geburtstagsgeschenk. Dämmerung auf dem Platz, sie beide eben von der Arbeit nach Hause gekommen, das Licht der Tischlampen, er mit einem Glas Champagner in der Hand, ihr Glas auf dem Flügel, während sie spielte, was sie in den Wochen zuvor geduldig einstudiert hatte. Seine entzückten Rufe, als er das Stück erkannte, sein liebenswürdig übertriebenes Staunen ob solcher [50] Gedächtnisleistung, der lange Kuss am Ende, ihr gehauchtes "Alles Gute zum Geburtstag", seine feuchten Augen, das Klingen der Kristallgläser.

Nun sprang der Motor des Selbstmitleids an, und hilflos beschwor sie die verschiedenen Überraschungen herauf, die sie für ihn organisiert hatte. Die Liste war ungesund lang - Opernbesuche, Kurztrips nach Paris und Dubrovnik, Wien und Triest, Keith Jarrett in Rom (Jack, ahnungslos, wusste nur, dass er eine Reisetasche packen und sich gleich nach der Arbeit mit ihr am Flughafen treffen sollte), gepunzte Cowboystiefel, ein Flachmann mit Gravur und, wegen seiner neuen Leidenschaft für Geologie, der Gesteinshammer eines Forschers aus dem neunzehnten Jahrhundert, in einem Lederetui. Als Herold seines zweiten Frühlings zum fünfzigsten Geburtstag eine Trompete, die einst Guy Barker gehört hatte. Das alles machte aber nur einen Bruchteil des Glücks aus, mi

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