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Cover Liebe Mutter, es geht mir gut...

Liebe Mutter, es geht mir gut...

von Margaret Millar; Übersetzt von: Elisabeth Gilbert

Erschienen 2015 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
240 Seiten
ISBN 978-3-257-60469-6

Kurztext / Annotation

Helen Clarvoe, die ebenso reich ist wie labil, lebt allein in einer kalifornischen Stadt. Zuerst glaubt sie, das Opfer irgendeines anonymen Irren zu sein, aber bald muss sie erkennen, dass die drohende Stimme am Telephon niemand anderem gehört als ihrer ehemaligen Kindheitsfreundin Evelyn Merrick - Evelyn, die all das verkörperte, was Helen hätte sein wollen.

Margaret Millar, geboren 1915 in Kitchener, Ontario, studierte klassische Philologie, Archäologie und Psychologie, brachte es als Pianistin zum Konzertdiplom, arbeitete in Hollywood und erhielt so die gediegene Ausbildung zum Verfassen von Psycho-Thrillern. Seit 1938 war sie mit Kenneth Millar, besser bekannt als Ross Macdonald, verheiratet. Die First Lady of Crime, gekrönt mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis und gefeiert als witzigste Analytikerin des American Way of Life and Death, starb 1994 in Santa Barbara.

Textauszug


[5] 1

Die Stimme war sanft, beinahe lächelnd: "Ist dort Miss Clarvoe?"

"Ja."

"Wissen Sie, wer spricht?"

"Nein."

"Eine Freundin."

"Ich habe unzählige Freundinnen", log Miss Clarvoe. Im Spiegel über dem Telefontischchen sah sie ihren Mund die Lüge wiederholen, und sie freute sich darüber, während ihr Kopf eifrig bestätigend nickte - diese Lüge ist wahr, ja, es ist eine sehr wahre Lüge. Nur ihre Augen wollten sich nicht überzeugen lassen. Verlegen blinzelten sie und schauten weg.

"Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen", sagte die Stimme. "Trotzdem habe ich Sie immer irgendwie im Auge behalten. Ich habe nämlich eine Kristallkugel."

"Ich - Sie haben was ?"

"Eine Kristallkugel, in der man die Zukunft sehen kann. So eine habe ich. Alle meine alten Freunde tauchen von Zeit zu Zeit darin auf. Heute Abend waren Sie drin."

"Ich." Helen Clarvoe wandte sich wieder dem Spiegel zu. Er war rund wie eine Kristallkugel, und ihr Gesicht tauchte darin auf; eine alte Freundin, vertraut, doch ungeliebt. Der Mund dünn und verkniffen, als wäre die Haut nur [6] über einen Knochen gespannt. Das braune Haar war kurz geschnitten wie bei einem Mann und ließ die Ohren frei, die einen leicht violetten Schimmer hatten, als wären sie ewig kalt. Wimpern und Brauen waren so farblos, dass die Augen selbst nackt und ängstlich wirkten. Eine alte Freundin in einer Kristallkugel.

Vorsichtig fragte sie: "Bitte, wer ist dort?"

"Evelyn. Erinnern Sie sich nicht? Evelyn Merrick."

"Ach, ja."

"Jetzt erinnern Sie sich?"

"Ja." Es war eine neue Lüge, aber leichter als die erste. Der Name sagte ihr gar nichts. Es war nur ein Klang, ohne jeden Bezug, und sie konnte ihn genauso wenig bestimmen, wie sie vom dritten Stock aus im Verkehrslärm das Geräusch eines Autos vom andern unterscheiden konnte. Sie hörten sich alle gleich an, die Fords, die Austins, die Cadillacs und Evelyn Merrick.

"Sind Sie noch da, Miss Clarvoe?"

"Ja."

"Ich habe gehört, Ihr alter Herr ist gestorben."

"Ja."

"Ich habe auch gehört, dass er Ihnen eine Menge Geld hinterlassen hat."

"Das ist meine Angelegenheit."

"Geld ist eine große Verantwortung. Ich wäre vielleicht in der Lage, Ihnen behilflich zu sein."

"Danke, ich brauche keine Hilfe."

"Es könnte aber bald der Fall sein."

"Dann werde ich selber mit dem Problem fertig werden, ohne die Hilfe einer Fremden."

[7] "Einer Fremden?" In der Wiederholung lag ein scharfer Ton der Empörung. "Sie haben doch eben gesagt, Sie erinnerten sich an mich."

"Ich habe mich nur bemüht, höflich zu sein."

"Höflich. Immer Dame, was, Clarvoe? Oder wenigstens so tun. Aber warten Sie nur, bald werden Sie sich mit einem Mal wieder an mich erinnern. Ich werde nämlich bald berühmt sein. Mein Akt wird in jedem Kunstmuseum des Landes zu sehen sein. Jedermann wird die Möglichkeit haben, mich zu bewundern. Macht Sie das nicht neidisch, Clarvoe?"

"Ich glaube, Sie sind - Sie sind verrückt."

"Verrückt? O nein. Nicht ich ! Sie sind verrückt, Clarvoe. Sie sind ja diejenige, die sich nicht erinnern kann. Und ich weiß auch, warum Sie sich nicht erinnern können. Weil Sie eifersüchtig auf mich sind. Sie waren immer eifersüchtig auf mich. So eifersüchtig, dass Sie mich einfach aus Ihrem Gedächtnis ausradiert haben."

"Das stimmt nicht", entgegnete Miss Clarvoe schrill. "Ich kenne Sie ja gar nicht. Ich habe noch nie von Ihnen gehört. Sie müssen sich irren."

"Ich irre mich nie. Was Sie brauchen, Clarvoe, ist eine Kristallkugel, damit Sie sich an Ihre alten Freunde erinnern können. Vielleicht sollte ich Ihnen meine leihen. Dann könnten Sie sich auch

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