Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Herr Adamson

Herr Adamson

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
208 Seiten
ISBN 978-3-257-60579-2

Kurztext / Annotation

Es ist Freitag, der 22. Mai 2032. Einen Tag nach seinem vierundneunzigsten Geburtstag sitzt ein Mann in einem üppig blühenden Garten - es ist der Paradiesgarten seiner Kindheit -, neben sich einen Rekorder, und spricht seine Geschichte mit Herrn Adamson auf Band. Ein Buch über den Tod, erzählt in einer herzerwärmenden Heiterkeit.

Urs Widmer, geboren 1938 in Basel, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. Danach arbeitete er als Verlagslektor im Walter Verlag, Olten, und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt. 1968 wurde er mit seinem Erstling, der Erzählung Alois Verlag der Autoren Heimito-von-Doderer-Literaturpreis Friedrich-Hölderlin-Preis

Textauszug

[105] ICH habe Herrn Adamson seither nie mehr gesehen, oder nein: ein einziges Mal doch. Viele Jahre später, vor vielen Jahren. Kurz nur, sehr kurz, und er war so anders, dass ich manchmal denke, das war er gar nicht, das war ein finster-verstörter Doppelgänger. Gewiss bin ich mir, dass das nächste Mal jenes sein wird, wo. Ich schaue jetzt, wo ich seine Geschichte erzähle, nach ihm aus. Unruhig, und mit einer gewissen Sehnsucht. Wenn ich jenes eine Mal nicht mitzähle, ist es heute sechsundachtzig Jahre her, dass ich ihn nicht gesehen habe.

Natürlich habe ich Herrn Adamson nicht vergessen. Nie, natürlich nicht. In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr dachte ich ununterbrochen an ihn. Sah ihn hinter jeder Häuserecke und fuhr erschrocken - oder, wer weiß, entzückt - herum, wenn ich in meinem Rücken ein ungewohntes Geräusch hörte. Mit der Zeit aber verblasste sein Bild, und es kamen Jahre, da ich kaum mehr an ihn dachte. Viele dieser Jahre sind vergangen. Ein Leben. Es versprach einst, schier ewig zu werden, und es ist wie ein kurzer Windstoß an mir vorbeigeweht.

Die Rückkehr aus Mykene war ein Abenteuer, wie es auch ein Navajo selten bestehen darf. Gott sei Dank trug ich immer noch die magische Feder in den Haaren, und der Knochen beschützte mich. [106] Jedenfalls, der jüngere der beiden Polizisten schob plötzlich sein auf Hochglanz gewienertes Fahrrad durch die Tür ins Freie und setzte sich auf den Sattel. Der alte packte mich und setzte mich auf den Gepäckträger. " mi !", rief er, gab dem jungen einen Klaps auf den Rücken, und der fuhr so heftig los, so schwankend, dass ich aufschrie - vor Angst? Vor Begeisterung? - und die Arme um seinen Bauch schlang. Genauer gesagt, ich hielt mich am Knochen fest, den ich quer vor ihn gelegt hatte. Der alte Polizist rannte schnaufend und mit einem immer roteren Gesicht neben uns her, bis sein Kollege Tritt gefasst hatte und zügig dahinfuhr. Ich drehte den Kopf nach hinten und sah ihn in der Mitte des Wegs stehen. Er hatte ein Taschentuch in der Hand, das so groß wie eine Fahne war, und winkte. Ich getraute mich nicht, den Knochen vor dem Bauch meines Piloten loszulassen, tat es dann doch und winkte auch, kurz, schnell: Und dennoch geriet ich für eine Sekunde so aus dem Gleichgewicht, dass ich ums Haar von meinem Sitz gekippt wäre und das Fahrrad in eine bedrohliche Schräglage zwang. Wir schlingerten von einem Wegrand zum andern. Der junge Polizist fluchte. Aber dann hatte er sein Gefährt wieder unter Kontrolle, und bald flogen wir regelrecht dahin. Rechts und links fegten die Olivenbäume vorbei. Schafe, [107] Steinhütten, hie und da ein Bauer oder eine Bäuerin, die dieser seltsamen Fuhre verdutzt nachsahen. Der Polizist sang jetzt, eine Melodie, die an einen Muezzingesang erinnerte, einmal abgesehen davon, dass ich noch nie einen Muezzin gehört hatte. Dazu bediente er in einem immer schnelleren Rhythmus seine Fahrradklingel. Bald sang ich mit, wie ein Navajo eher, nicht wie ein Türke oder Sarazene. Hühner stoben vor uns davon. Die Steine des Wegs spritzten nach allen Seiten. Eine Zeitlang verfolgte uns ein Hund, aber er konnte, obwohl er den Kopf weit vorstreckte und die Zunge aus seinem Maul hing, das inzwischen teuflische Tempo meines Fahrers nicht halten und blieb weit zurück. Sein Bellen klang immer ferner. Der Polizist, entfesselt, rief mir etwas über die Schulter zu, was ich, auch wenn es griechisch war, verstand und mit einem begeisterten Kreischen beantwortete: "Ja! Gib dem Rad Zunder! Schneller!" Wir sausten nun so, dass ich den Bauch meines Retters noch fester umklammerte, eine Wange an seinen Rücken presste, die Augen schloss und mit offenem Mund die glühende Luft atmete, die der Fahrtwind nicht zu kühlen vermochte und die mir die Lungen verbrannte.

So flogen wir dahin, und in meiner Erinnerung sieht es so aus, als habe mich der Polizist, wie eine Windsbraut durch die Lüfte hetze

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Drucken

Kundenbewertungen

8,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!
Maximaler Downloadzeitraum: 24 Monate