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Cover Ein Leben als Zwerg

Ein Leben als Zwerg

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
192 Seiten
ISBN 978-3-257-60584-6

Kurztext / Annotation

Ein Zwerg aus Gummi ist der Held - ja sogar der Autor - dieses Buches. Sein Geheimnis ist, daß er, wenn kein Mensch ihn anschaut, lebt. Sich bewegen kann, denken, fühlen. Er begleitet Uti - jenen Jungen, der ihn mit seinem liebenden Blick erst lebendig gemacht hat - durchs Leben (Utis Leben), lebt sein Zwergenleben, während der Junge erwachsen wird und ein Mann, ein fast schon alter Mann.

Urs Widmer, geboren 1938 in Basel, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. Danach arbeitete er als Verlagslektor im Walter Verlag, Olten, und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt. 1968 wurde er mit seinem Erstling, der Erzählung Alois Verlag der Autoren Heimito-von-Doderer-Literaturpreis Friedrich-Hölderlin-Preis

Textauszug

[7] ICH heiße Vigolette alt. Ich bin ein Zwerg. Ich bin acht Zentimeter groß und aus Gummi. Hinten, so etwa im Kreuz, hatte ich einmal ein rundes Etwas aus Metall, und wenn mir jemand, ein Mensch mit seinen Riesenkräften, auf den Gummibauch drückte, pfiff es. Pfiff ich. Das Metallding ist aber längst von mir gefallen, und ich pfeife nicht mehr. Die Menschen - die Kinder der Menschen vor allem - denken, ich sei ein Spielzeug. Ein Spielzwerg. Sie haben recht, aber sie kennen nur die halbe Wahrheit. Wenn ein Menschenblick auf einen von uns fällt, auf einen Zwerg, wird er steif und starr und ist gezwungen, in der immer selben Haltung zu verharren. Eine Lebensstarre, die jeden von uns so lange beherrscht, als Menschenaugen auf uns ruhen. Sie überfällt uns eine Hundertstelsekunde bevor der Blick uns erreicht und verläßt uns ebenso sofort, wenn der Mensch wieder woandershin blickt. Ich habe dann die Arme am Körper wie in einer etwas nachlässigen Habtachtstellung und mache ein dummes Gesicht. Mein Mund steht offen, und meine Augenlider sind bis über die Mitte der Iris gesenkt. Wenn aber niemand schaut, sind wir [8] Zwerge äußerst fix. Wir können wie Irrwische durch Wohnungen sausen, Tischbeine hinauf, Tischbeine hinunter, wir gehen die glatten Wände hoch, wenn es sein muß. Es kommt vor - es ist vorgekommen -, daß uns ein Menschenblick trifft, wenn wir an einem Ort sind, an den wir ganz und gar nicht gehören. Dann erstarren wir eben dort, wir können ja nicht anders, und die Menschen betrachten uns nachdenklich und kratzen sich am Kopf und tun uns in die Spielzeugkiste zurück. Aber dann vergessen sie den Vorfall wieder, Zwerge sind nicht so wichtig für Menschen. - Zwerge sind unsterblich. Es soll welche geben, die tausend und zehntausend Jahre alt sind. Ja. Wir essen nicht, wir trinken nichts. Nichts rein, nichts raus, das ist unser Überlebensgeheimnis. Wir sind unsterblich: aber wir zerbröseln. Wenn einer von uns einmal zu lange in der Sommersonne liegt oder auf der voll aufgedrehten Heizung, beginnt der Gummi brüchig zu werden. Ich zum Beispiel bin übel dran. War mehrmals in den vergangenen Dezennien zu großer Hitze ausgesetzt, einmal zwei Stunden einem Heizstrahler, und nie wandten die im Zimmer herumtobenden Kinder so lange die Blicke ab, daß ich in eine kühle Ecke hätte weghechten können. Ein halber Schuh ist mir schon weggebrochen, und wenn ich mich jäh [9] bewege, bröseln Gummibrocken an mir herunter. Es ist unter uns Zwergen - den klügeren unter uns - eine oft diskutierte Frage, wie lange man ein Zwerg ist, unsterblich, und wann man ein Haufen Gummistaub geworden ist. Ob man dann noch denken kann, fühlen, jubeln in ewiger Lebensfreude. Plötzlich einmal in tausend Stücke zu zerfallen, das könnte mir durchaus passieren. Dann lebe ich immer noch, bin aber meine Einzelteile geworden - hier die Nase, dort der Mund, fernab die Füße mit den anderthalb Schuhen. Die Putzfrau käme und wischte mich in ihren Müllsack.

ICH heiße Vigolette alt, weil ich ein violettes Jöppchen trage und der älteste der Vigoletten bin. Schon lange lebe ich mutterseelenallein (Zwerge haben keine Mütter) auf einem Regal, einem Menschenregal, hoch über dem Fußboden. Das Regal ist mehr oder minder leer, verstaubt, mit mir sind nur noch ein Zahnarzt aus angemalter Tonerde und sein ebenfalls toniger Patient, dem er mit einem Metalldraht einen Zahn ausreißt. Die beiden sind etwa gleich groß wie ich. Aber anders als wir Zwerge sind sie tatsächlich leblos, tönerne Volkskunst, auch wenn sie niemand anschaut. Ich sehe auch kaum mehr hin, sage nur hie und da, wenn ich [10] sehr einsam bin, ein paar aufmunternde Worte zu ihnen. "Maul auf, dann geht's schneller", zum Patienten, und zum Zahnarzt: "Nie gehört, daß es Dentalzangen und Anästhesiespritzen gibt?" Die beiden antworten mir nie, logisch nicht, sie sind aus Salvador de Bahía

Beschreibung für Leser

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