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Cover Ein Russischer Roman

Ein Russischer Roman

von Meir Shalev; Übersetzt von: Ruth Achlama

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
512 Seiten
ISBN 978-3-257-60604-1

Kurztext / Annotation

Baruch blickt zurück auf seine Kindheit in einer kleinen Siedlung in der Jesreel-Ebene, im heutigen Israel. Humorvoll werden die einzelnen Dorfbewohner charakterisiert: der konspirative Rilow, der am liebsten noch die Geburt seiner Tochter geheimhalten will; Fejge, um die sich die wildesten Gerüchte ranken; Baruch selbst, der Lauscher an der Wand, der von seinem Großvater allein erzogen wird...

Meir Shalev, geboren 1948 in Nahalal in der Jesreel-Ebene, studierte Psychologie und arbeitete viele Jahre als Journalist, Radio- und Fernsehmoderator. Er ist einer der bekanntesten und beliebtesten israelischen Romanciers und erhielt 2006 den Brenner Prize, die höchste literarische Auszeichnung in Israel. Meir Shalev schreibt regelmäßig Kolumnen für die Tageszeitung Yedioth Ahronoth

Textauszug

[5] 1

Eines Nachts im Sommer fuhr der altgediente Lehrer Jakob Pines aus dem Schlaf hoch. "Ich fick Liebersons Enkelin!" hatte jemand draußen gerufen.

Unverschämt, laut und klar stieg der Schrei zwischen den Kronen der Kanarischen Kiefern am Wasserturm empor, schwebte einen Augenblick raubvogelgleich auf der Stelle, ehe die Worte auf den Erdboden des Dorfes niederschossen. Ein schmerzlich wohlbekannter Schauder durchzuckte das Herz des alten Lehrers. Wieder einmal hatte nur er den abscheulichen Schrei gehört.

Lange Jahre war er nun schon emsig bemüht, Ritzen zu verstopfen, Risse zu flicken, beherzt in die Bresche zu springen. "Wie dieser holländische Junge da, den Finger im Schleusenloch", pflegte er von sich zu sagen, sobald er wieder gegen eine neue Gefahr anstürmte. Fruchtfliegen, Staatslotterie, Rinderzecken, Anophelesmücken, Heuschreckenschwärme und Jazz bäumten sich wie schwarze Wogen um ihn auf, zerstoben an seinem Brustkorb, rannen in trüben Gischtfetzen an ihm herab.

Pines setzte sich im Bett auf und strich sich mit den Fingern übers Brusthaar, voll Wut und Verwunderung, daß das Dorfleben weiter seinen Gang ging, obwohl solche Unverschämtheit ihre häßliche Fratze in aller Öffentlichkeit zeigte.

Der ganze Moschaw schlummerte, wie die Leute der Jesreelebene sagen - Maultiere und Milchkühe in den Kuhställen, Legehennen im Hühnerhaus, die Menschen des Geistes und der körperlichen Arbeit in ihren bescheidenen Betten. Wie eine alte Maschine, deren Teile sich schon aufeinander eingeschliffen haben, war das Dorf nicht aus seiner nächtlichen Routine zu bringen. Euter füllten sich mit Milch, Trauben schwollen vor Saft, auf den Schultern der großen Kälber, die für den Transport [6] ins Schlachthaus bestimmt waren, wuchs erstklassiges Fleisch heran. Fleißige Bakterien, 'unsere einzelligen Freunde', wie der dankbare Pines sie im Unterricht nannte, mühten sich, die Wurzeln der Pflanzen mit frischem Stickstoff zu versorgen. Doch der alte Lehrer, ein umgänglicher Mann, der als Pädagoge für seine Geduld bekannt war, erlaubte niemandem, und gewiß nicht sich selber, auf den Lorbeeren des Erreichten auszuruhen. "Ich werde dich schon erwischen, Bürschchen", murmelte er wütend und sprang schwerfällig aus dem Eisenbett. Mit bebenden Händen knöpfte er die alte Khakihose zu, schlüpfte in die schwarzen Arbeitsstiefel, die seinen Knöcheln Sicherheit verliehen, und zog in den Kampf. Seine Brille konnte er vor lauter Dunkelheit und Schreck nicht finden, aber das Mondlicht drang durch die Türritzen und wies ihm den Weg.

Draußen stolperte er über den Hügel eines Maulwurfs, der seiner subversiven Wühltätigkeit im Garten nachging, stand aber gleich wieder auf, wischte sich den Staub von den Knien, rief "Wer da? Wer da?" und lauschte angestrengt. Seine kurzsichtigen Augen durchbohrten die Dunkelheit vor sich, während sein großer weißhaariger Kopf eulenartig hin- und herschwenkte, als sitze er auf einer Achse.

Der unflätige Schrei kehrte nicht wieder. Wie immer, sagte er sich, er ruft nur einmal und nicht mehr.

Pines machte sich Sorgen. Die derben Worte waren ein klarer Aufruf, vom Weg abzuweichen, sich dem seichten Genuß hinzugeben, das Privatleben über alles zu stellen - kurz, ein eindeutiger Regelverstoß. Der alte Lehrer, der 'all unsere Kinder auf ein Leben des Glaubens und der Arbeit vorbereitet hat', mußte unwillkürlich an den großen Schokoladenraub denken, den einige seiner reiferen Schüler im Dorfladen verübt hatten, an Riva Margulis' Kiste, die einst voll mit überflüssigen Versuchungen, 'allem möglichen Luxuskram' aus Rußland eingetroffen war und Genossen nebst Grundsätzen erschüttert hatte, und schließlich [7] an 'das teuflische Lachen der Hyäne, die damals - auch nur auf Hohn und Schaden bedacht - durch unsere Felder streunte'.

Da ihm die heuchlerische Hyäne ausgerechnet jetzt einfiel, als er die Brille n

Beschreibung für Leser

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