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Cover Der Trost von Fremden

Der Trost von Fremden

von Ian McEwan; Übersetzt von: Michael Walter

Erschienen 2015 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
192 Seiten
ISBN 978-3-257-60638-6

Kurztext / Annotation

Hochsommer, die alte Stadt ist von Touristen überschwemmt. Auch das Liebespaar Colin und Mary, das kein Liebespaar mehr ist, macht hier Urlaub. Sie machen sich sorgfältig zurecht für ihren Dinnerspaziergang durch die Stadt; und dann lauert im Labyrinth der beklemmend engen Gassen ein Minotaurus auf sie. Die Kanäle haben Gegenströmungen, die Lagune ungeahnte Tiefen.

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er für Amsterdam Abbitte

Textauszug

[9] Eins

Jeden Nachmittag, wenn sich die ganze Stadt hinter den dunkelgrünen Fensterläden ihres Hotels zu regen begann, wurden Colin und Mary geweckt durch das systematische Bosseln von Stahlwerkzeugen gegen die eisernen Lastkähne, die am Ponton des Hotelcafés vertäut lagen. Morgens waren diese rostenden, narbenbedeckten Rümpfe ohne erkennbare Fracht oder Antriebsvorrichtung dann verschwunden; gegen Ende eines jeden Tages tauchten sie wieder auf, und die Besatzungen hantierten unerklärlich mit ihren Holzhämmern und Meißeln. Um diese Zeit, in der wolkigen Spätnachmittagshitze, begannen sich Gäste auf dem Ponton einzufinden, um an den Blechtischen Eis zu essen, und auch ihre Stimmen erfüllten das abgedunkelte Hotelzimmer, wogten auf und ab in Wellen von Gelächter und Unstimmigkeit und überfluteten die kurze Stille zwischen den einzelnen durchdringenden Hammerschlägen.

Sie erwachten, so schien es ihnen, gleichzeitig und lagen ruhig auf ihren getrennten Betten. Aus Gründen, die sie nicht mehr klar definieren konnten, [10] redeten Colin und Mary zur Zeit nicht miteinander. Zwei Fliegen umkreisten träge das Deckenlicht, auf dem Korridor drehte sich ein Schlüssel im Schloß, Schritte näherten sich und verklangen. Schließlich stand Colin auf, stieß die Fensterläden nach außen und ging ins Bad, um zu duschen. Noch verfangen in den Nachwehen ihrer Träume, drehte sich Mary auf die Seite, als er vorbeiging, und starrte die Wand an. Das stetige Wasserrauschen nebenan war besänftigend, und sie schloß noch einmal die Augen.

Jeden Abend, in der rituellen Stunde, die sie auf ihrem Balkon verbrachten, bevor sie sich auf die Suche nach einem Restaurant machten, hatten sie geduldig den Träumen des anderen zugehört, im Austausch für den Genuß, ihre eigenen erzählen zu können. Colins Träume waren solche, wie Psychoanalytiker sie empfehlen, vom Fliegen, sagte er, von ausbröckelnden Zähnen, davon, nackt vor einem sitzenden Fremden zu erscheinen. Bei Mary verbündeten sich die harte Matratze, die ungewohnte Hitze und die kaum erforschte Stadt dazu, in ihrem Schlaf einen Tumult von lärmenden, streitsüchtigen Träumen zu entfesseln, die, beklagte sie sich, ihren Wachzustand betäubten: und die schönen alten Kirchen, die Altarbilder und die Steinbrücken über den Kanälen fielen matt auf ihre Netzhaut wie auf eine ferne Leinwand. Am häufigsten träumte sie von ihren Kindern: daß sie in Gefahr schwebten und daß [11] sie selbst zu unbeholfen oder durcheinander war, um ihnen zu helfen. Ihre eigene Kindheit verwirrte sich mit der ihres Sohns und ihrer Tochter. Sie waren ihre Altersgenossen, die sie mit ihren beharrlichen Fragen ängstigten. Warum bist du ohne uns weggegangen? Wann kommst du wieder? Wirst du uns vom Zug abholen? Nein, nein, versuchte sie ihnen klarzumachen, ihr sollt doch mich abholen. Sie erzählte Colin, sie habe geträumt, ihre Kinder seien zu ihr ins Bett geklettert, auf jeder Seite eines, und da lagen sie und zankten sich die ganze Nacht über ihrem schlafenden Körper. Hab ich. Hast du nicht. Doch. Hast du nicht... bis sie erschöpft erwachte, die Hände fest an die Ohren gepreßt. Oder, sagte sie, ihr Exgatte bugsierte sie in eine Ecke und begann ihr geduldig, so wie er es einmal getan hatte, die Handhabung seiner kostspieligen japanischen Kamera zu erklären und sie dabei nach jedem Schritt die Raffinessen abzufragen. Nach vielen Stunden fing sie an zu seufzen und stöhnen und bat ihn, doch aufzuhören, aber nichts konnte die unbarmherzige Leier von Erklärungen unterbrechen.

Das Badezimmerfenster ging auf einen Hof, und zu dieser Stunde belebte auch er sich mit Geräuschen aus angrenzenden Zimmern und den Hotelküchen. In dem Moment, als Colin die Dusche abdrehte, begann der Mann von gegenüber, wie an den vorherigen Abenden, unter seiner Dusche sein [12] Duett aus der s

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