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Cover Der Mittagstisch

Der Mittagstisch

Erschienen 2015 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
224 Seiten
ISBN 978-3-257-60696-6

Kurztext / Annotation

Um Kinder allein aufzuziehen, braucht man Geld. Da Nelly, Mitte dreißig, Platz hat und gut kochen kann, holt sie sich zahlende Mittagsgäste ins Haus, darunter auch einen ebenso hübschen wie patenten Elektriker. Leider ist er in Begleitung. Doch die hat eine Erdnussallergie ... Bald schon wird das Familienleben ebenso turbulent, wie der Menüplan abwechslungsreich ist.

Ingrid Noll, geboren 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt sofort zu Bestsellern wurden. Die Häupter meiner Lieben Friedrich-Glauser-Ehrenpreis der Autoren

Textauszug

[9] 1

Der Mittagstisch

Es war wahrscheinlich in Kassel oder Stuttgart, aber ich kann mich nur an eine gigantische Treppe erinnern, ähnlich der berühmten Freitreppe von Odessa. Vielleicht war auch alles ganz anders, denn ich war erst drei Jahre alt, vielleicht gibt es solche Treppen in keiner einzigen deutschen Stadt - ich muss demnächst meine Mutter fragen. Sie hielt mich damals fest an der Hand. "Nicht loslassen, Nelly!", sagte sie. Ich gab diesen Befehl an meine Puppe weiter.

Wir hatten eine uralte Tante besucht, die nicht mehr lange leben würde. Meine Mutter wurde mit einem handgeschriebenen Testament und einer Granatbrosche beschenkt, ich mit einer Puppe. Sie fühlte sich anders an als meine weichgestopften Vinylbabys, denn sie war aus sprödem Zelluloid. Die Tante hatte selbst mit dieser Puppe gespielt und sie bestimmt achtzig Jahre lang auf ihrem Plüschsofa sitzen gehabt. Ich verstand durchaus, dass es sich um etwas Besonderes handelte, denn die Tante behauptete ebenso stolz wie geheimnisvoll, es sei eine echte Schildkröt .

Aus irgendeinem Grund hatte meine neue Puppe keine Lust, von meinem schmuddeligen Händchen umklammert zu werden. Auf der obersten Treppenstufe riss sie sich plötzlich los und stürzte in die Tiefe. Sie überschlug sich mehrmals, bis der Kopf sich löste, zerbarst und die einzelnen Teile [10] mit immer größerer Geschwindigkeit abwärtssprangen; nur ein Stück Rumpf blieb einige Stufen unter mir liegen. Ich schrie wie am Spieß. Immer wieder träume ich, dass meine kleine Tochter mir ebenso entgleitet, eine unendlich tiefe Treppe hinunterkullert und dabei ihren Kopf verliert. Vielleicht bin ich ja auch nur eine besonders ängstliche Mutter. Als Alleinerziehende ist man schnell überfordert.

Mein Freund Matthew war ein cooler Hund, wie eine Freundin anerkennend feststellte. Als er ein paar Jahre nach Carolines Geburt plötzlich zurück in die USA flog, versprach er zwar nicht, uns bald nachzuholen, aber selbstverständlich rechnete ich mit materieller Unterstützung. Seitdem war er unauffindbar, die hinterlassene Adresse stimmte nicht. Nach einigen frustrierenden Versuchen hatte ich es aufgegeben, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln. Mein Großer erinnerte sich noch ganz gut an seinen Vater und erwähnte ihn gelegentlich, meine Kleine tat das nie und fragte nicht.

Für einen Amerikaner sprach Matthew einigermaßen gut Deutsch, schließlich hatte er es von klein auf bei seinen Großeltern gehört. Da mein Englisch ziemlich dürftig ist, verständigte er sich mit mir und den Kindern fast nie in seiner Muttersprache und machte sogar gute Fortschritte im hiesigen Dialekt. In einer Hinsicht konnte er es allerdings zu keiner Perfektion bringen, und das waren die Artikel. Er ersetzte sie durch ein neutrales de : de Mann, de Frau, de Kind.

Um unsere Kinder von Anfang an auf die weite Welt vorzubereiten, wählten wir Vornamen, die auch in anderen Ländern bekannt sind: Simon und Caroline. Der Junge lernte [11] in der Grundschule bereits ein wenig Englisch, aber eher Lieder wie Jingle Bells und Happy Birthday ; es war schade, dass die Geschwister nicht zweisprachig aufwachsen konnten. Matthew brachte ihnen vor allem Späße bei. An lustige Begebenheiten in unserer kleinen Familie dachte ich zuweilen wehmütig zurück, aber ich versuchte, mich mit meinem Status als alleinstehende Mutter ein für alle Mal abzufinden.

Einmal sagte er zum Beispiel zu unserem Sohn: "Es gibt de deutsche Sprichwort: Man soll nie de Sand in de Kopp stecke!" Das leuchtete Simon ein: Wenn er aus dem Kindergarten kam, rieselte es stets aus Haaren, Ohren, Schuhen und Kleidern. Dann drohte ihm Matthew mit dem Zeigefinger und scherzte: "Ick mack dir fünf Löcher in de Gesicht und steck' dir de Kopp zwische de Ohre, Mister Sandman!"

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Ingrid Noll, geb. 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt sofort zu Bestsellern wurden. 'Die Häupter meiner Lieben' wurde, wie andere ihrer Romane, erfolgreich verfilmt. Im September 2000 kam 'Kalt ist der Abendhauch' in die Kinos. 2005 erhielt Ingrid Noll den Friedrich-Glauser-Preis.

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