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Cover Erkundungen

Erkundungen

zu Geschichte, Moral, Recht und Glauben

Erschienen 2015 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
288 Seiten
ISBN 978-3-257-60699-7

Kurztext / Annotation

Wie leben wir mit der Geschichte? Brauchen wir eine Kultur des Erinnerns? Wie weit geht unsere Verantwortung, und wie weit reicht unsere Solidarität? Wie verändert sich das Recht, und wohin entwickelt sich die Rechtsprechung? Können wir Christen bleiben, wenn uns der Glaube verlorengeht? Ausgehend von vertrauten Begriffen, alltäglichen Erfahrungen und gesellschaftlichen und politischen Konflikten erkundet Bernhard Schlink erzählerisch anschaulich komplexe Themen von bleibender Aktualität.

Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist. Der 1995 erschienene Roman Der Vorleser The Reader Olga

Textauszug

[11] Erinnern und Vergessen

Wie viel Freiheit haben wir im Umgang mit der Vergangenheit?

1

Als ich ein Kind war, führte mich mein Weg durch die Stadt oft an der Ecke des Rathauses vorbei, an der in einem Erker eine Gestalt aus braunem Ton stand. Sie erinnerte an die deutschen Soldaten, die noch in Russland gefangen oder vermisst waren. Sie trug keine Uniform, sondern ein weites Gewand, sie trug auch keine Fesseln, kein Werkzeug, keinen Essnapf, sondern zeigte nur die leeren Hände. Sie hätte statt eines Gefangenen oder Vermissten auch einen Einsiedler oder einen Wanderer aus einer fernen Welt und fernen Zeit darstellen können. Aber für mich war klar, was sie darstellte. Die Kriegsgefangenen, die Vermissten, die Gefallenen, die Vertriebenen und das Land östlich der Oder und Neiße, aus dem sie vertrieben und geflohen waren - das war, woran sich in den fünfziger Jahren unsere Eltern erinnerten und wir Kinder uns mit ihnen. Wir sammelten für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, wir nahmen mit Aufsätzen über Breslau oder Königsberg an Wettbewerben teil, und manchmal erzählten unsere Lehrer über ihre Gefangenschaft in Russland oder Afrika. Nach 1953 wurde der Aufstand des 17. Juni Teil der [12] Erinnerungskultur; wir Kinder gedachten seiner bei Aufzügen und Versammlungen, stellten Kerzen ins Fenster, zogen mit Fackeln in den Schlosshof und hörten Reden über den Totalitarismus Stalins, der nach dem Totalitarismus Hitlers als nächstes Verhängnis den Osten Deutschlands und Europas heimgesucht hatte.

1963, mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen, wurden wir des Holocaust als zu erinnernder Vergangenheit gewahr. Nicht dass er davor verleugnet oder verschwiegen worden wäre. Aber erst mit den Prozessen wurde seine ganze Furchtbarkeit anschaulich. Er wurde zum wichtigen Moment in der Auseinandersetzung der 68er Generation mit der Elterngeneration, und mit der gleichnamigen Fernsehserie, die 1979 von einem größeren Publikum gesehen und in Familien, Schulen und Medien diskutiert wurde als jede Serie davor oder danach, rückte er in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. In den achtziger Jahren wurde der Holocaust die Vergangenheit, die vor allen anderen Vergangenheiten erinnert wurde.

Die anderen Vergangenheiten wurden vom Holocaust nicht einfach verdrängt. Die Erinnerung an den verlorenen Krieg, das verlorene Land, die Vertreibung der Deutschen und den Aufstand des 17. Juni passte auch nicht mehr in das neue politische Klima von Willy Brandts Ostpolitik, die Verlust und Vertreibung und die staatliche Existenz der DDR akzeptierte und statt auf Konfrontation auf Wandel durch Annäherung setzte. Zugleich wurde die Erinnerung an Deutsche als Opfer und Helden, Opfer des Kriegs und der Vertreibung und Helden des Aufstands mehr und mehr Deutschen, die sich von ihrer deutschen [13] Vergangenheit distanzieren und eine neue, europäische oder atlantische Identität finden wollten, peinlich.

Bis heute, durch die Wiedervereinigung und durch den Wandel der Bonner zur Berliner Republik hindurch, blieb der Holocaust die Vergangenheit, die vor allen anderen Vergangenheiten erinnert wird: als Kultur- oder Zivilisationsbruch, als Inbegriff des Furchtbaren, das Menschen einander antun können und nie wieder antun dürfen. Er blieb Grund deutscher Schuld und Verantwortung und das Ereignis, in dessen Anerkennung und Aufarbeitung Deutschland eine neue, sich selbst und die Welt überzeugende Identität finden musste. Der Umstand, dass das wiedervereinigte, größere und stärkere Deutschland die Angst seiner Nachbarn vor einem neuen deutschen Nationalismus spürte, trug dazu bei, den Holocaust, diese Vergangenheit der Schuld oder auch der Schande, zu erinnern.

Aber jetzt jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum hunderts

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