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Cover Kindes Kind

Kindes Kind

von Barbara Vine; Übersetzt von: Renate Orth-Guttmann

Erschienen 2015 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
464 Seiten
ISBN 978-3-257-60701-7

Kurztext / Annotation

Schluss mit der Wohnungsnot: Als Grace und ihr Bruder Andrew das Haus ihrer Großmutter erben, ziehen sie zusammen. Doch was, wenn einer von ihnen mit einem Dritten zusammenleben will? Eine fatale Dreiecksbeziehung entsteht, aus der sich Grace in alte Bücher flüchtet - um darin ein ähnlich ungewöhnliches Geschwisterpaar wiederzufinden. Tabus, Schande, Verrat früher und heutzutage: Kindes Kind

Textauszug

[17] 3

Als Erstes fiel ins Auge, was für ein gutaussehender Mann James war. Nicht direkt wie ein Star, denn Schauspieler müssen heute nicht mehr unbedingt gut aussehen. Eher wie ein Filmstar der dreißiger und vierziger Jahre. Andrew besaß eine riesige Sammlung von DVD s. Die männlichen Stars, Clark Gable, Cary Grant, James Stewart und Gregory Peck, sahen alle umwerfend gut und zusammengenommen alle wie James aus - oder er sah aus wie sie. Vielleicht vor allem wie Cary Grant. Der soll ja angeblich nicht besonders helle gewesen sein, und wenn das stimmt, endet hier die Ähnlichkeit, denn James war hochintelligent. Er war - ist - groß, schlank, dunkelhaarig und hat eine völlig natürlich wirkende dauerhafte Bräune. Seine Augen sind dunkelblau, seine Zähne blitzen, wie bei Amerikanern üblich, er hat von Kopf bis Fuß einen perfekten Körper mit wohlgeformten, langgliedrigen Händen und kräftigen Beinen, die ich an einem heißen Tag nackt im Garten sah, muskulös, aber so makellos wie bei einem Kind.

Nach dieser Beschreibung könnte man denken, dass ich ihn begehrenswert fand, und in gewisser Weise tat ich das auch, aber nur so, wie man einen Mann auf einem Gemälde oder einem Foto anziehend findet. Und auch dann hätte ich versucht, meine Gefühle zu verdrängen, weil er Andrew gehörte und weil ich weiß, wie sinnlos es für eine Frau ist, sich [18] sexuell für einen schwulen Mann zu interessieren. Außerdem war er mir eher unsympathisch, und ich versuchte, auch das zu verdrängen.

Wir trafen in der Diele aufeinander. Die beiden waren gerade hereingekommen, und Andrew machte uns miteinander bekannt. James sagte kurz angebunden "Hi!" und bog dann gleich rechts ab, weil er offenbar schon wusste, dass die rechte Hälfte Andrew gehörte und die linke mir.

Vielleicht, redete ich mir ein, ist er schüchtern oder Frauen gegenüber gehemmt. Er verbrachte diese, nicht aber, soweit ich das beurteilen konnte, die nächste Nacht in unserem Haus. Ich ertappte mich dabei, dass ich am Morgen auf seine Schritte lauschte, und als ich hörte, wie Andrew ihn verabschiedete, und vom Zimmer meines Arbeitszimmers aus sah, wie James die Straße hinunterging, war ich erleichtert. Doch ich versuchte nach Kräften, mir dieses Gefühl zu verbieten, und sagte mir, dass man niemanden nach einer einzigen Begegnung beurteilen könne. Als James nach einer Woche wiederauftauchte, konzentrierte ich mich auf den Gedanken, wie schön das für Andrew war, der vor Freude strahlte.

James war nun immer öfter in Dinmont House. Natürlich ist das in einer Liebesbeziehung völlig normal. Wenn die Liebe nicht verpufft, wird sie ständig intensiver. Ich merkte, dass ich viel zu oft darüber nachdachte, spekulierte, sogar nach Zeichen Ausschau hielt, ob es etwas Ernstes war. Am schlimmsten aus meiner Sicht wäre es, wenn sie die Absicht hätten zusammenzuleben, mit anderen Worten, wenn James hierherziehen würde. Ich hätte Andrew darauf ansprechen können, wollte ihm aber keinen Floh ins Ohr setzen. Was töricht von mir war, denn wer würde mit einem [19] Liebhaber zusammenziehen, weil seine Schwester es ihm suggeriert hatte?

Weil ich die Entwicklung weiter beobachten wollte, bat ich sie an einem Samstagvormittag zum Kaffee. James war seit Donnerstagabend im Haus. Wir gingen in den Raum, den ich am liebsten hatte, das Arbeitszimmer von Verity. Wie der Salon (so hatte Verity ihn genannt), das unbenutzte Esszimmer und mehrere Schlafzimmer ist es voller Bücher. Bücher auf den Regalen, Bücher in den Schränken, in bis zu drei Reihen gestaffelt. James griff nach George Eliots Adam Bede, das mit dem Gesicht nach unten auf dem Tisch lag, blätterte kurz darin und sagte, er würde nie die Geduld aufbringen, so etwas zu lesen.

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Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Barbara Vine (alias Ruth Rendell), geboren 1930, lebt in London. Ihre Bücher erhielten zahlreiche literarische Auszeichnungen. Mit 'König Salomons Teppich' wurde zum vierten Mal - eine Rekordzahl - ein Werk von ihr mit dem Gold Dagger Award der Crime Writers' Association ausgezeichnet, 1996 erhielt sie von der Queen den Ehrentitel Commander of the British Empire und 1997 schließlich den Grand Master Award der Mystery Writers of America für das Gesamtwerk und wurde auf Vorschlag von Tony Blair geadelt und ins britische Oberhaus berufen.
Die britische Bestseller-Autorin starb 85-Jährig am 2. Mai 2015.

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