Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Pfingstrosenrot

Pfingstrosenrot

Ein Fall für Milena Lukin

Erschienen 2016 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
368 Seiten
ISBN 978-3-257-60711-6

Kurztext / Annotation

In welche Mühlen geriet das serbische Ehepaar, das sich von falschen Versprechungen und einem verheißungsvollen Rückkehrprogramm in die alte Heimat, das Kosovo, zurücklocken ließ? Die Belgrader Kriminologin Milena Lukin kommt skandalösen Machenschaften auf die Spur, die bis in hohe Kreise der serbischen und europäischen Politik reichen. Wieder ein atmosphärischer, packender Krimi, der ins Herz des Balkans führt.

Christian Schünemann, geboren 1968 in Bremen, studierte Slawistik in Berlin und Sankt Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina und schreibt auch als Storyliner und Drehbuchautor. Die Studentin Der Frisör Der Bruder Daily Soap

Textauszug

{7} 1

" W as ist los, Milos, worauf wartest du? Mach deine Jacke zu, du holst dir noch den Tod!"

Erschöpft wischte er sich mit dem Taschentuch die Schweißtropfen von der Stirn und fuhr sich damit über den Nacken. Jedes Mal zog sich sein Herz zusammen, wenn sie so mit ihm sprach, sich zu ihm umdrehte wie zu einem kleinen Kind und ihn mit dieser Miene anschaute. Das ganze Leid lag darin, und gleichzeitig die Absicht, alles, was passiert war, als gottgewollt hinzunehmen.

Er packte die Henkel und riss die schweren Eimer hoch. Sie hatten gemeinsam so viel erlebt, von dem er gehofft hätte, dass sie es nie erleben würden. Sie hatten ihre Heimat verloren, hatten im Flüchtlingsheim gelebt, hatten ihrer Tochter auf der Tasche gelegen. Jetzt waren sie alt, seine Kraft war am Schwinden und seine Geduld am Ende.

"Es ist gut, Milos, hörst du? Es gibt keinen Grund zur Klage. Es ist alles bestens."

Sicher. Sie hatten in der Not immer Freunde gehabt. Auch jetzt wieder, unten in der Siedlung, Menschen, die ihnen zur Seite standen und mit diesem und jenem aushalfen. Wenn die Freunde nicht wären, hätten sie ja nicht einmal diese Eimer! Aber je mehr Ljubinka redete und versuchte, ihn zu beschwichtigen, desto wütender wurde er. {8} Er war bereit, nach allem, was gewesen war, wieder bei null anzufangen, einverstanden, aber er war nicht bereit, sich dabei immer wieder neue Steine in den Weg legen zu lassen.

Ljubinka, ganz kurzatmig, schnappte beim Reden nach Luft. Er sah, wie geschwollen ihre Gelenke waren, wusste, dass ihr die Beine weh taten und das Kreuz und dass sie sich über die Schmerzen nie beklagen würde. Er hasste sich dafür, dass er nicht mehr tun konnte, als täglich die verdammte Pappe in längliche Streifen zu schneiden und ihr um die eisernen Henkel zu wickeln. Ljubinkas Hände waren nicht dafür gemacht, zweimal täglich Wasser zu holen und die Eimer dreieinhalb Kilometer durch die Landschaft zu schleppen. Den Hügel mussten sie noch hinauf, durch den Wald, und die Pappe war schon zerrieben!

"Wir müssen dankbar sein." Ljubinka keuchte. "Hörst du, Milos? Hörst du mir zu?"

Die Henkel quietschten rhythmisch, Wasser plätscherte über die Ränder und klatschte in Pfützen auf den Weg und ihre kaputten Schuhe. Wenn er das rissige Leder sah, könnte er heulen. Was hatte Ljubinka früher für Schuhwerk getragen: feine Sandaletten aus geflochtenem Leder mit schmalen Riemchen. Er hatte den Klang ihrer Pfennigabsätze immer schon von weitem gehört, diesen entschlossenen, zuversichtlichen Rhythmus, der ihm heute noch im Ohr war. Er erinnerte sich, wie sie zum ersten Mal so vor ihm stand, auf diesen Absätzen, und ihm bis zum Kinn reichte. Er wollte sie von Anfang an beschützen und auf Händen tragen. Gut war ihr gemeinsames Leben gewesen, voller Zufriedenheit, prall und duftend wie die Pfingstrose in der Abendsonne.

Bis es anfing mit diesem seltsamen Ton. Anfangs schwer {9} zu orten, kam er aus verschiedenen Richtungen, war zuerst leise, aber schon hysterisch, wurde immer lauter und zunehmend aggressiv. Wie Stechmücken, die sich nicht vertreiben ließen. Es gab Nächte, da fand er keinen Schlaf.

Er schrieb damals Briefe und Artikel, empörte sich über die Selbstherrlichkeit, mit der Bürgermeister, Direktoren und andere serbische Entscheidungsträger ihre Macht vor allem dazu gebrauchten, den Cousin, den Schwager und den alten Schulfreund mit Posten und Pöstchen zu versorgen. Angehörige der albanischen Mehrheit wurden systematisch aus ihren Ämtern gedrängt. Auch seinen Vorgesetzten und geschätzten Kollegen, den Albaner Ismail Cama, traf es. Er wurde von hier auf jetzt von seinem Posten als Schuldirektor suspendiert und konnte sich glücklich schätzen, einen Vertretungsjob an der Volkshochschule im Süd-Kosovo zu ergattern. Die freie Stelle als Direktor des Gymnasiums in Pristina wurde ihm, Milos Valetic, angeboten

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Drucken

Kundenbewertungen

9,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!