Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Die Gesichter der Wahrheit

Die Gesichter der Wahrheit

von Donal Ryan; Übersetzt von: Anna-Nina Kroll

Erschienen 2016 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
256 Seiten
ISBN 978-3-257-60718-5

Kurztext / Annotation

Es begann mit Wohlstand und satter Zufriedenheit und endet mit Entführung und Mord. Was dazwischen liegt, sind einundzwanzig Leben, einundzwanzigmal Hoffen und Träumen, Lieben und Leiden - einundzwanzig Menschen, die im Strudel der irischen Finanzkrise ihre Wahrheit erzählen - und das Geschick eines ganzen Landes.

Donal Ryan, geboren 1976 in Nenagh, Tipperary, studierte Bauingenieurwesen und Jura; er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Castletroy, Limerick. Für Die Gesichter der Wahrheit

Textauszug

{5} 1 Bobby

M ein Vater lebt immer noch die Straße runter und am Wehr vorbei in dem Häuschen, in dem ich aufgewachsen bin. Ich gehe jeden Tag hin, um zu sehen, ob er tot ist, und jeden Tag enttäuscht er mich. Es ist noch kein Tag vergangen, an dem er mich nicht enttäuscht hat. Er grinst mich an; dieses ekelhafte Grinsen. Er weiß, dass ich komme, um nachzusehen, ob er tot ist. Er weiß, dass ich weiß, dass er es weiß. Er grinst sein schiefes Grinsen. Ich frage ihn, ob er alles hat, was er braucht, und er lacht nur. Wir schauen uns eine Weile lang an, und wenn ich seinen Gestank nicht mehr ertrage, gehe ich. Viel Glück, sage ich, wir sehen uns morgen. So ist es, gibt er zurück. Ich weiß, dass es so sein wird.

In dem niedrigen Tor im Vorgarten dreht sich ein rotes Metallherz an einer Achse. Der Lack blättert inzwischen ab; das Rot ist fast verschwunden. Es muss abgebürstet, geschliffen, lackiert und geölt werden. Aber es dreht sich noch im Wind. Ich kann es quietsch, quietsch, quietschen hören, während {6} ich weggehe. Ein blätterndes, quietschendes, rotierendes Herz.

Wenn er stirbt, gehören mir das Haus und der Hektar Land, der noch übrig ist. Er hat Großvaters Hof schon vor Jahren versoffen. Sobald ich ihn unter die Erde gebracht habe, fackel ich das Haus ab und pisse auf die Asche, und den Hektar Land verkaufe ich an den Meistbietenden. Jeder Tag, den er noch lebt, senkt den Preis, den ich verlangen kann. Das weiß er genau; er lebt aus reiner Bosheit weiter. Sein Herz ist verkrustet, seine Lunge ist schwarz und verkümmert, und trotzdem schafft er es, Luft zu holen und sie dann ächzend und hustend wieder auszuspucken. Ich wurde vor zwei Monaten entlassen, das war die beste Medizin für ihn. Das hat ihm bestimmt noch mal ein halbes Jahr verschafft. Wenn er je rausfindet, wie Pokey Burke mich aufs Kreuz gelegt hat, wird ihn das vollends genesen lassen. Burke könnte sich seligsprechen lassen, nachdem er so ein Wunder bewerkstelligt hat.

Aus welchem Grund hätte ich Pokey Burke nicht trauen sollen? Er war jung, als ich angefangen habe, für ihn zu arbeiten - drei Jahre jünger als ich -, aber jeder in der Gemeinde hatte schon für seinen alten Herrn gearbeitet, und abgesehen von den üblichen Lästereien verlor niemand ein schlechtes Wort über ihn. Pokey Burke war nach dem Papst benannt: {7} Seán Pól hatten seine Eltern ihn getauft. Aber sein Bruder Eamonn war noch keine zwei Jahre alt, als seine Eltern das neue Baby nach Hause brachten, und er nannte das neue Baby Pokey, und alle machten mit, und so blieb der Name Pokey zeit seines Lebens an dem kleinen Seán Pól haften. Und das wird er wohl auch darüber hinaus, falls er jemanden hinterlässt, der sich an ihn erinnert oder von ihm redet, wenn er tot ist.

Ich hätte wissen müssen, dass was nicht stimmt, als Mickey Briars letztes Jahr ankam und nach seiner Betriebsrente fragte. Jungs, wusstet ihr, dass wir alle Anspruch auf 'ne Betriebsrente haben? Wussten wir nich, Mickey. Is so, bei 'nem Verein namens SIF . So 'ne richtige Betriebsrente, nich nur die von Vater Staat. Die is extra . Mickey hatte die linke Hand ausgestreckt. Sie hielt das unsichtbare Gewicht dessen, was er nicht bekommen hatte, obwohl es ihm zustand. Er zählte die Liste der Dinge ab, die ihm verwehrt worden waren, ein knochiger Finger auf sonnengegerbtem, kalkverbranntem Fleisch. In seinen gelben Augen standen die Tränen. Er war aufs Kreuz gelegt worden. Ausgeraubt. Und das nicht mal von einem Mann, sondern von einem kleinen Wichser. Das war es, worüber er nicht hinwegkam.

{8} Er ging rüber und fing an, so lange auf die Fertigtür einzudreschen, bis Pokey Burke sie einen Spaltbreit öffnete, ihm einen Umschlag hinwarf und die Tür wieder zuschmiss, gerade als Mickey den Kopf senkte und ihn wie ein Ziegenbock rammen wollte. Mickeys harter alter Sc

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Drucken

Kundenbewertungen

9,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!
Maximaler Downloadzeitraum: 24 Monate