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Cover Fragt morgen nach mir

Fragt morgen nach mir

von Margaret Millar; Übersetzt von: Anne Uhde

Erschienen 2016 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
272 Seiten
ISBN 978-3-257-60736-9

Kurztext / Annotation

Die reiche Mrs. Gilly Decker aus Los Angeles beauftragt den jungen Anwalt Aragon, ihren Exgatten Lockwood aufzuspüren, der sich vor Jahren mit dem fünfzehnjährigen Hausmädchen nach Mexiko abgesetzt hat. Merkwürdig ist nur, daß alle Zeugen, die Aragon mühsam auftreibt, sehr schnell eines unerfreulichen Todes sterben ...

Margaret Millar, geboren 1915 in Kitchener, Ontario, studierte klassische Philologie, Archäologie und Psychologie, brachte es als Pianistin zum Konzertdiplom, arbeitete in Hollywood und erhielt so die gediegene Ausbildung zum Verfassen von Psycho-Thrillern. Seit 1938 war sie mit Kenneth Millar, besser bekannt als Ross Macdonald, verheiratet. Die First Lady of Crime, gekrönt mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis und gefeiert als witzigste Analytikerin des American Way of Life and Death, starb 1994 in Santa Barbara.

Textauszug

{9} 1

S pätnachmittag. Marco döste im Rollstuhl; die langen trägen Sonnenstrahlen berührten die Schädeldecke, strichen über die spärlichen grauen Härchen des gesunden Arms und verloren sich in den Falten des Hausmantels. Gilly stand im Türrahmen und sah zu ihrem Mann hinüber. Sie wartete auf ein Zeichen, daß er ihre Anwesenheit wahrnahm.

"Marco? Hörst du mich?"

Er konnte nur wenige Teile seines Körpers bewegen, und davon rührte sich keiner. Kein Fingerzucken der rechten Hand, die den Rollstuhl in Gang setzte, kein Vibrieren der einen Mundseite, kein Flattern des rechten Augenlids, das sich normal zu öffnen und zu schließen vermochte. Das andere Auge blieb wie immer: das Lid halb geschlossen, die Pupille reglos in der Mitte. Auch wenn er wach war, konnte niemand sicher sagen, was er gerade ansah oder wieviel er überhaupt sah. Manchmal kam es Gilly vor, als starre das Auge sie anklagend und direkt an, und manchmal schien es geradezu belustigt, als amüsiere es sich über ein Witzwort aus vergangener Zeit oder über einen zukünftigen Scherz. "Das Auge sieht nichts", hatte der Arzt ihr gesagt. "Ich glaube, Sie irren sich, Doktor. Er betrachtet manche Dinge." - "Nein, das Auge ist tot."

{10} Das tote Auge, das nichts sah, blickte Gilly an, die jetzt ins Zimmer trat. Man hörte nichts; wie Gras schluckte der Teppich das Geräusch der Schritte.

"Du tust nur so, als ob du schläfst, nicht wahr, Marco? Weil du mich los sein willst. Ich gehe aber nicht. Ich will nicht gehen, siehst du?"

Nein - das tote Auge sah nichts, und das lebende blieb unter dem Lid verborgen.

Gilly berührte die Stirn ihres Mannes. Sie war von Falten durchzogen, als habe ein Kannibale angefangen, das Fleisch zu verzehren, und dabei seine Nägel eingegraben, die Spuren wie von einer Gabel hinterließen.

"Ich vertrag's nicht, wenn Leute nur so tun. Ich werde gleich schreien."

Aber sie schrie nicht. Jedesmal wenn sie schrie, kam Marcos Pfleger Reed angelaufen, der Airedale des Gärtners fing an zu jaulen, und die Haushälterin Violet Smith brach zusammen. Einer ihrer Zusammenbrüche war noch unvergessen.

"Violet Smith sagt, wir essen zuviel Fleisch. Heute abend gibt es Fisch." Das mußte ihn aufrütteln - er haßte Fisch. "Marco -?"

Weder der angedrohte Schrei noch der Fisch unterbrachen das rhythmische Atmen.

Gilly blieb wartend stehen. Es war heiß; sie hätte gern eine Weile draußen im Patio gesessen, wo fast jeden Nachmittag um diese Zeit vom Ozean her eine Brise aufkam. Aber der Patio war allein Marcos Reich. Sie hatte ihn zwar entwerfen und bauen lassen, aber sie fühlte sich dort nicht recht wohl. Vielleicht lag es an den Pflanzen, die überall wucherten: sie standen in steinernen Urnen und Holzkästen auf dem Boden und hingen {11} in Terrakottaschalen und mit Draht zusammengehaltenen Seegras- und Palmfiberkörben von den Deckenbalken herab.

Marco bewegte sich mühelos mit dem Rollstuhl durch das Pflanzengewirr, aber Gilly stieß immer wieder mit dem Schienbein an die Fuchsientöpfe und verfing sich mit dem Haar in den Ranken der Spinnenpflanze. Bequem war der Patio nur für Leute im Rollstuhl oder für Kinder und Zwerge. Normale Erwachsene mochten ihn nicht. Der Pfleger fluchte, wenn er sich an den versteckten Dornen des Spargelfarnkrauts oder den tückischen Spikes der Windmühlenpalme verletzte; und selbst Violet Smith, die niemals fluchte, ließ einen sinngemäßen Ausruf fahren, wenn sie in den Wasserlilienteich trat, weil sie den schwingenden Armen des Polypodiums ausweichen wollte.

Für Kinder und Zwerge, und für Krüppel wie Marco, war der Patio ideal: hier konnte man Erwachsenen eine Falle stellen und normale Leute zum Narren halten. Aber natürlich bekam ihn kein Kind und auch kein Zwerg jemals zu sehen. Nur Gilly und Reed und Violet Smith und manchmal der Arzt, der nicht viel sagte oder tat,

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Margaret Millar - Kanadierin aus deutsch-englischer Einwandererfamilie - studierte klassische Philologie, Archäologie und Psychologie, brachte es als Pianistin zum Konzertdiplom, arbeitete in Hollywood und erhielt so die gediegene Ausbildung zum Verfassen von Psycho-Thrillern. Ausgezeichnet mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis und gefeiert als witzigste Analytikerin des American Way of Life and Death.

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