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Cover Dornröschen

Dornröschen

von Ross Macdonald; Übersetzt von: Karsten Singelmann

Erschienen 2016 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
400 Seiten
ISBN 978-3-257-60755-0

Kurztext / Annotation

Aus dem Flugzeug bemerkt Detektiv Lew Archer einen Ölteppich vor Pacific Point - eigentlich ein Surferparadies - und gerät, als er dem nachgeht, in einen Sumpf von Familiengeheimnissen. Ross Macdonald wird erst heute so richtig entdeckt als Meister des Plots und der Einfühlung. Ein Krimiklassiker in hochgelobter Neuübersetzung, mit einem Nachwort von Donna Leon.

Ross Macdonald (1915 - 1983) zählt zu den besten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Er wird in Großbritannien und Amerika und nun auch bei uns wiederentdeckt. Seine Kriminalromane gelten als Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Ross Macdonald war Präsident der Mystery Writers of America. 1964 gewann er den Silver Gold Dagger Award

Textauszug

{5} 1

An einem Mittwochnachmittag flog ich von Mazatlán nach Hause. Während des Landeanflugs auf Los Angeles sah ich aus der Mexicana-Maschine zum ersten Mal den Ölfleck auf dem Meer.

Wie ein unförmiger Teppich, einige Kilometer breit und etliche Kilometer lang, bedeckte er das blaue Wasser vor Pacific Point. Unweit der Küste ragte eine Bohrinsel auf wie der Metallgriff eines Dolches, in den Bauch der Erde gerammt, damit sie schwarzes Blut verströme.

Der mexikanische Flugbegleiter schritt durch den Gang, um zu prüfen, ob wir alle zum Landen bereit waren. Ich fragte ihn, was mit dem Meer passiert sei. Der Latino gestikulierte und zuckte nur die Achseln, als erübrige sich die Frage von alleine angesichts des sattsam bekannten Leichtsinn der Amis.

"Die Explosion war am Montag." Er beugte sich vor und schielte am Flügel vorbei nach unten. "Heute ist es noch schlimmer als gestern. Schnallen Sie sich bitte an, Señor . Wir landen in fünf Minuten."

Im Flughafen kaufte ich eine Tageszeitung. Der Ölteppich beherrschte die Titelseite. Ein gewisser Jack Lennox, der das Unternehmen managte, das die Bohrinsel betrieb, prophezeite, das Problem werde innerhalb von vierundzwanzig Stunden unter Kontrolle sein. Lennox war, dem {6} Foto nach, ein gutaussehender Mann, was nicht heißen musste, dass ihm über den Weg zu trauen war.

Pacific Point war einer meiner Lieblingsorte an der Küste. Während ich mich auf den Weg zu meinem Auto machte, drückte die den Strand bedrohende Ölpest wie ein heranziehendes Tief auf meine Stimmung.

Anstatt zu meiner Wohnung nach West Los Angeles fuhr ich südwärts, an der Küste entlang in Richtung Pacific Point. Die Sonne stand schon tief, als ich zur Anhöhe über dem Hafen gelangte, von wo aus ich den riesigen Ölteppich sehen konnte, der das Meer einschwärzte, als wäre die Nacht vor der Zeit angebrochen.

Er hatte sich der Küste bis auf etwa tausend Meter genähert; noch bildete der dunkelbraune Seetang eine natürliche Schutzwehr. Löschboote waren unterwegs, um den Teppich von den Rändern her mit Chemikalien einzusprühen. Weit und breit war sonst kein Boot zu erkennen. Ein weißes Plastikband versperrte den Hafeneingang, darüber tanzten Möwen wie vom Wind aufgewirbelte Schnipsel.

Ich stieg zum öffentlichen Strand hinab und schlenderte die Landzunge mit Blick auf den Hafen entlang. Einige Menschen, vor allem Mädchen und Frauen, standen am Ufer und blickten aufs Meer hinaus. In ihrer Reglosigkeit sahen sie aus, als erwarteten sie den Weltuntergang oder als wäre dieser bereits eingetreten und sie dabei zu Salzsäulen erstarrt.

Die Wellen schwappten träge heran. Ein schwarzer Vogel mit spitzem Schnabel versuchte verzweifelt, sich über Wasser zu halten. Er hatte orangerote, wie in heller {7} Wut glühende Augen, doch war er so verunstaltet vom Öl, dass ich ihn erst auf den zweiten Blick als Renntaucher identifizierte.

Eine Frau in weißer Bluse und langer Hose watete bis zu den Oberschenkeln ins Wasser, um den Vogel zu bergen. Geschickt hielt sie ihn so, dass er nicht nach ihr hacken konnte. Sie war jung und hübsch, wie ich feststellte, als sie sich zum Ufer zurückwandte. Ihre Augen funkelten ebenso zornig wie die des Vogels. Die schmalen Füße hinterließen anmutige Abdrücke im nassen Sand.

Ich fragte sie, was sie mit dem Renntaucher vorhabe.

"Mit nach Hause nehmen und säubern."

"Ich fürchte, er wird auch dann nicht überleben."

"Nein, aber ich vielleicht."

Sie entfernte sich, das zappelnde schwarze Wesen gegen die weiße Bluse gedrückt. Ich folgte ihren zierlichen Abdrücken. Als sie es bemerkte, drehte sie sich um.

"Was wollen Sie?"

"Mich entschuldigen. Es war nicht meine Absicht, Sie zu entmutigen."

"Schon gut", sagte sie. "Es stimmt ja, dass die wenigsten Vögel überleben, wenn sie so viel Öl abbekommen. Aber während der Ölpest von

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Ross Macdonald, geboren 1915 in Los Gatos, Kalifornien, zählt zu den besten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Er wird in Großbritannien und Amerika und nun auch bei uns wiederentdeckt. Dabei verdankt er seine Karriere eher einem Zufall: Seine Frau Margaret war Schriftstellerin - und verdiente mit Schreiben bald mehr als er mit seiner Dozentur. So wurde aus dem Dozenten Kenneth Millar in Michigan der Schriftsteller Ross Macdonald in Kalifornien. Seine Bücher sind Bestseller und wurden erfolgreich verfilmt, so zum Beispiel 'Unter Wasser stirbt man nicht' (1975) mit Paul Newman und Joanne Woodward. Seine Kriminalromane gelten als Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Ross Macdonald starb 1983 in Santa Barbara.

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