Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Blue City

Blue City

von Ross Macdonald; Übersetzt von: Christa Hotz; Christina Sieg-Welti

Erschienen 2016 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
256 Seiten
ISBN 978-3-257-60758-1

Kurztext / Annotation

John ist aus dem Militärdienst in seine Heimatstadt im mittleren Westen zurückgekehrt. Sein Vater ist inzwischen tot, wie John mitgeteilt wird, ermordet worden. Auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters erfährt John mehr und mehr von dessen Vergangenheit.

Ross Macdonald (1915 - 1983) zählt zu den besten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Er wird in Großbritannien und Amerika und nun auch bei uns wiederentdeckt. Seine Kriminalromane gelten als Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Ross Macdonald war Präsident der Mystery Writers of America. 1964 gewann er den Silver Gold Dagger Award

Textauszug

{5} 1

Wenn man sehr lange nicht in der Stadt gelebt hat, in der man aufgewachsen ist, dann denkt man an sie und spricht von ihr, als wäre die Luft dort frischer als anderswo. Und wenn man einem Menschen aus dieser Stadt begegnet, fühlt man sich ihm verbunden, bis der Gesprächsstoff ausgeht und einem keine Namen mehr einfallen.

Ich sah die ersten Häuser früher als erwartet. Innerhalb von zehn Jahren war die Stadt der Landstraße entlang gewuchert und hatte immer mehr Ackerland mit den Betonvierecken von Siedlungsprojekten überzogen. Beiderseits der Straße konnte ich die Reihen kleiner Holzhäuser sehen, die einander so sehr glichen, als ob es in der Stadt nur einen einzigen Architekten gäbe, der von einer gewaltigen Vision besessen war.

"Jetzt dauert es nicht mehr lange", meinte der Fahrer des Lastwagens. Er gähnte am Steuer, hielt aber die Augen fest auf die Straße gerichtet. "Jedenfalls brauche ich heute abend keine Tabletten zum Einschlafen."

"Leben Sie hier?"

"Ich habe hier ein Zimmer. Das kann man vermutlich leben nennen."

"Gefällt Ihnen die Stadt nicht?"

"Ach Gott, die Stadt ist schon recht, wenn man nichts Besseres kennt." Er spuckte durchs offene Fenster in den Fahrtwind, und feine Tröpfchen sprühten über meinen Nacken. "Eigentlich bin ich in Chicago zu Hause. Dort wohnt auch meine Frau."

"Das ist natürlich ein Unterschied."

"Sind Sie verheiratet?"

"Nein", erwiderte ich, "ich schlag mich alleine durch."

{6} "Sie suchen wohl Arbeit?"

"Stimmt."

"Das sollte hier kein Problem sein. Im Moment brauchen wir übrigens selbst Leute bei uns im Lagerhaus. Die halbe Zeit muß ich meinen Laster selber beladen. Sind Sie kräftig?"

"Das schon. Ich bin kräftig genug. Aber an solche Arbeit dachte ich nicht."

"Sie wird aber ganz gut bezahlt. Siebzig Cent die Stunde. Mehr kann man hier in der Gegend nicht bekommen."

"Ich vielleicht doch. Ich habe Beziehungen."

"Ja?" Er warf mir einen raschen Blick zu. Ich sah nicht gerade elegant aus. Ich hatte mich weder gewaschen noch rasiert und in meinen Kleidern geschlafen.

Er stufte mich als Angeber ein. Jedenfalls meinte er mit offenkundiger Ironie: "Tja, wenn das so ist -" und hörte auf, mit mir zu reden.

Die Landstraße war inzwischen zum östlichen Ende der Hauptstraße geworden und führte durch ein gemischtes Wohn- und Geschäftsviertel. Kleine Kaufläden, Kohlenhalden, Tankstellen, billige Kneipen, große alte heruntergekommene Häuser, ein paar Kirchen, deren blanke Fassaden einen betretenen Eindruck machten. Ich wußte nicht im voraus, welche Gebäude folgen würden, erkannte aber die meisten wieder, sobald ich sie sah. Eine Duftwolke aus den Gummifabriken an der Südseite, die den Frühlingsabend verdarb wie übermäßiger Körpergeruch, stieg mir in die Nase. In der Hoffnung, vielleicht einen alten Bekannten wiederzusehen, betrachtete ich die Menschen, die sich nach Arbeitsschluß auf dem Bürgersteig drängten.

Der Fahrer trat auf die Bremse, und der Lastwagen kam am Bordstein zum Stehen.

"Hier müssen Sie aussteigen, Kumpel. Ich kann Sie nicht bis zum Lagerhaus mitnehmen." Er wies mit dem Kopf auf das Schild "Keine Anhalter", das an seiner Windschutzscheibe klebte. "Aber falls Ihre Beziehungen Ihnen nichts {7} nützen sollten, kommen Sie nur zu uns. Liegt an der Masters Street."

"Danke. Auch fürs Mitnehmen."

Ich zog meinen Segeltuchkoffer unter dem Sitz hervor und kletterte aus der Fahrerkabine. Der große Laster fuhr an und ließ mich auf dem Gehsteig zurück.

Ich ging noch ein paar Häuserblocks in dieselbe Richtung wie der Lastwagen weiter, jedoch ohne jede Eile. Die Erregung, die ich beim Wiedersehen meiner alten Heimat empfunden hatte, war bereits abgeebbt. Von vorn und hinten kommend gingen die Menschen an mir vorbei, aber unter ihnen war niemand, den ich kannte. Ein Polizist wa

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Ross Macdonald, geboren 1915 in Los Gatos, Kalifornien, zählt zu den besten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Er wird in Großbritannien und Amerika und nun auch bei uns wiederentdeckt. Dabei verdankt er seine Karriere eher einem Zufall: Seine Frau Margaret war Schriftstellerin - und verdiente mit Schreiben bald mehr als er mit seiner Dozentur. So wurde aus dem Dozenten Kenneth Millar in Michigan der Schriftsteller Ross Macdonald in Kalifornien. Seine Bücher sind Bestseller und wurden erfolgreich verfilmt, so zum Beispiel 'Unter Wasser stirbt man nicht' (1975) mit Paul Newman und Joanne Woodward. Seine Kriminalromane gelten als Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Ross Macdonald starb 1983 in Santa Barbara.

Drucken

Kundenbewertungen

7,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!