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Cover Das Leben wartet nicht

Das Leben wartet nicht

von Marco Balzano; Übersetzt von: Maja Pflug

Erschienen 2017 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
304 Seiten
ISBN 978-3-257-60783-3

Kurztext / Annotation

Ninetto war noch ein Kind, als er allein von Sizilien nach Mailand kam, um Arbeit zu suchen. Ein furchtloser Junge mit der Sonne des Südens im Herzen. Obwohl er noch zu klein war für das Fahrrad, fand er sogleich eine Anstellung als Bote. Heute, über fünfzig Jahre später, erkennt sich Ninetto in den Neuankömmlingen aus China und Nordafrika wieder. Sie haben dieselben Träume wie er damals. Und setzen alles daran, sie zu verwirklichen.

Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist der Sohn von Süditalienern, die ihr Glück im Norden suchten. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer für Literatur an einem Mailänder Gymnasium. Das Leben wartet nicht

Textauszug

{17} 2

S o einfach von einem Tag auf den anderen bin ich aber nicht ausgewandert, nein. Es ist ja nicht so, dass ein kleiner Knirps plötzlich grundlos aufspringt und losfährt. Vorher haben sie mir alles vermiest, mit Zank, Tagen ohne Essen und unerträglichem Gekeife, erst dann bin ich weggegangen. Es war Ende 1959 , ich war neun, und in dem Alter möchte man immer lieber in seinem Dorf bleiben, auch wenn es ein beschissenes Dorf ist und keineswegs das Schlaraffenland. Aber irgendwo hört's auf, und wenn dir scheint, das Elend werde dich gleich verschlingen wie eine Sturzwelle, dann ist es besser, du packst dein Bündel und haust ab, Schluss, aus.

Meine Mama wurde jeden Tag dusseliger. Doktor Cucchi wiederholte bei seinen Besuchen sein übliches Palaver und verordnete uns, bestimmte Medikamente zu kaufen, die kein bisschen halfen, aber ein Vermögen kosteten. Man musste sie ihr unter die Zunge legen, wenn sie einen Anfall {18} bekam. Mein Vater war mittlerweile gespannt wie eine Geigensaite, besser, man zupf te nicht daran und hielt mindestens eine Armeslänge Abstand. Er kam nach Hause, wann er wollte, und sagte nicht einmal "guten Abend". Wenn er redete, dann nur, um mitzuteilen, dass er wieder rausging. "Ich gehe auf die Piazza, um mir die Beine zu vertreten", knurrte er, während er mit der Zigarette im Mund die Tür hinter sich zuzog. Aber selbstverständlich ging er nicht deshalb auf die Piazza. Er ging Karten spielen im Keller von einem Typ namens Stefano. Und eins, zwei, drei hatte ihn die Spielwut gepackt. Ich weiß, dass er dorthin ging, denn einmal bin ich ihm barfuß gefolgt. Auf allen vieren habe ich mich auf dem Gehsteig vors Kellerfenster gehockt und ihn beobachtet. Gern hätte ich ihm die Karten der anderen Spieler verraten, doch mein Vater gewann auch ohne meine Einflüsterungen; das bisschen Geld, das ich nach Mailand mitnahm, hatte er alles dort unten gewonnen, in dieser verrauchten Höhle. Andere sind nur mit einem Glas Oliven oder mit einem noch warmen Brot abgereist, ich dagegen besaß ein nettes Sümmchen, auch wenn ich es dann gar nicht ausgeben konnte. Doch im Dorf hassten sie ihn allmählich wegen dieser Geschichte mit den Karten, und bald hatte er alle seine Freunde verloren. Einem nach dem anderen hat mein Vater die {19} Haut abgezogen, bis er den Bogen überspannte und selber reingelegt wurde.

Was aber die Prügel betrifft, die er mir manchmal am Abend verabreichte, gibt es nicht viel zu philosophieren, zimperlich durf te man nicht sein. In San Cono prügelten alle Eltern, Schluss, aus. So, wie der Himmel regnet, die Kuh muht und der Baum seine Blätter verliert, so natürlich schlugen die Eltern von San Cono ihre Kinder. Hatte man sich zum Beispiel mit einem anderen Kind geprügelt, kriegte man gleich noch eins drauf. "Wie? Du hast dich verhauen lassen? Was für ein Schlappschwanz soll bloß aus dir werden?!" - und zack, sauste der Gürtel herunter. "Du hast deine Hose dreckig gemacht?" - Fußtritte ohne Ende. "Du hast dir weh getan?" - fliegende Holzschuhe. Allerdings waren die Holzschuhe eine weibliche Waffe, die Spezialität der Mütter und einiger älterer Schwestern. Meine Mama zum Beispiel war ein Profi im Holzschuhwerfen. Zielgenau wie ein Soldat. Egal aus welcher Entfernung, sie traf immer. Manchmal war das Erstaunen darüber heftiger als der Schmerz. Sie brauchte dir nur mit ihrem Tigerblick in die Augen zu starren, und der Holzschuh flog los wie ein Vogel, vorbei am Geschirr und zwischen den Türen durch, hinter denen ich Schutz suchte. Mich hat das einen Zahn gekostet, aber einige Freunde hat es schlimmer erwischt.

{20} Einmal wurde ich auch dafür verhauen, dass ich in die Schule gegangen bin. Da mein Vater mir am Abend zuvor nichts zu essen gegeben hatte, sagte er, ich dürfe dafür später aufstehen. So dachte ich beim Aufwachen, dass ich für die Arbeit als Tagelöhner sowieso zu

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