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Cover Museum der Erinnerung

Museum der Erinnerung

von Anna Stothard; Übersetzt von: Kathrin Bielfeldt

Erschienen 2017 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
304 Seiten
ISBN 978-3-257-60793-2

Kurztext / Annotation

Cathy ist neun, als sie Jack kennenlernt. Sie verbringen einen unbeschwerten Sommer an der englischen Küste miteinander. Cathy ist einundzwanzig, als sie aus ihrem Zuhause und vor einem Mann flieht, der Rache mit Liebe verwechselt. Cathy ist fast dreißig, als dieser Mann sie findet und ihre sorgsam aufbewahrten Erinnerungen für immer zu zerstören droht.

Anna Stothard, geboren 1983 in London, wuchs in Washington, Peking und New York auf. Nach dem Abschluss in Englischer Literatur in Oxford bekam sie ein Stipendium des American Film Institute in Los Angeles, wo sie zwei Jahre Drehbuch studierte. Anna Stothard lebt zurzeit in London.

Textauszug

1 Der küssende Käfer

D ie Vergangenheit ist nicht beständig. Der Vorgang des Erinnerns verändert uns, und jedes Leben kann innerhalb eines Tages neu geschrieben werden.

Am Morgen vor der Party war Cathy im Eingang des Berliner Museums für Naturkunde stehen geblieben und hatte das Skelett des Brachiosaurus, dessen schmaler Kopf auf dem langen Hals fast bis zum Glasdach des Lichthofes reichte, mit einem Lächeln begrüßt. Ihr Kleid hatte sie bereits aus der Reinigung geholt, es hing an ihrem Arbeitsplatz, doch die hochhackigen Schuhe trug sie in der Hand über den Marmorboden, vorbei an Fossilien und Eisbären.

Es würde heute schon wieder so schwül werden. Botaniker, Techniker und wissenschaftliche Mitarbeiter trotteten durch das Foyer des Museums, während ein Raumpfleger einen Glaskasten mit Drontenknochen abstaubte. Cathy bog im Lichthof links ab, die Stufen hinauf in die Dunkelheit der Ausstellung Kosmos & Sonnensystem: neun fußballgroße Planeten um eine Sonne herum, die irreführenderweise dieselbe Größe hatte wie die Planeten selbst. Ein Tag auf der Venus dauert 243 Erdtage, stand auf einem Poster. Der Jupiter braucht für die Drehung um die eigene Achse nur 9 , 8 Stunden. Vor allem auf Jugendliche übte diese Ausstellung einen besonderen Reiz aus. Vielleicht war es die Vorstellung, ihr gesamtes Universum sei einst ein einzelner, unvorstellbar heißer Punkt im Weltall gewesen, doch wahrscheinlich schlichen sie sich einfach nur gern ins Dunkle, um dort zu knutschen.

Cathy trug eine weiße Bluse, gut geschnittene Hosen und Ballerinas; ihr langes, rotbraunes Haar war ordentlich hinter beide Ohren gestrichen. Während sie die Wendeltreppe hoch und anschließend an den verschlossenen Türen verschiedener Labors und Sammlungen vorbeiging, drehte sie die zusammengerollte Schlange ihres Verlobungsringes an ihrem linken Ringfinger. Die Fenster des Lichthofes sowie die Türen standen in der ungewöhnlichen Sommerhitze offen, um den Geruch von Fell und Konservierungs-Chemikalien zu mindern. Sie schob sich in ihr Büro, einen langgezogenen Raum mit niedriger Decke, zugestellt mit Möbeln und einer sich ständig ändernden Ansammlung an Exponaten, für die unten kein Platz mehr war. Kaputte Bürostühle stapelten sich in derselben Ecke, wo auch eine ausgestopf te Eule hockte, auf einer der vielen grünen Vitrinen, die im Raum aufgestellt waren, lag ein Elefantenschädel. In den Vitrinen befand sich alles Mögliche - von einer Atlasmotte in der Größe eines Babykopfes bis zur Miniermotte, kleiner als ein Komma dieses Satzes.

Cathy setzte sich an ihren Schreibtisch vor ein Zedernholztablett mit Totenkopfschwärmern, deren Flügelunterseiten orangefarben waren. Wegen des Totenkopfmusters auf dem Leib hatten sie über alle Zeiten hinweg immer als schlechtes Omen gegolten. Cathy liebte die Reihen ordentlich aufgepiekter Körper mit ihren zerbrechlichen Kostümen, doch genauso hatten es ihr die leeren Flächen zwischen den Exponaten angetan. Es waren diese Zwischenräume, die eine Ordnung erzeugten. Sie fand, die Schönheit von Museen, genau wie die von Landkarten und die zwischenmenschlicher Beziehungen, lag ebenso sehr in der Distanz wie in der Nähe.

Am Morgen war sie neben Tom aufgewacht, in ihrer Zweizimmerwohnung mit den weißen Dielen in Neukölln, im Südosten Berlins, einer Gegend voller heruntergekommener Waschsalons und türkischer Cafés, wo sie seit vier Jahren lebten, und hatte ihn schlafen gelassen. Sie war Engländerin, er Amerikaner - Teil der bunten Mischung Vertriebener und Umherziehender, aus der die Stadt bestand. Wenn Tom schlief, sah er mit dem eckigen Kinn und dem gebräunten Gesicht aus, als gehöre er einer evolutionär überlegenen Gattung an. Seine fein gezeichneten Augenbrauen verliehen ihm einen ständig amüsierten Ausdruck. In dem Moment, in dem er aufwachte, würde er anfangen, an

Beschreibung für Leser

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